
Ganz plötzlich, um drei Uhr sechsundvierzig, kollabierte Toms verzweifelte Wut in ein heilloses Wissen. Es öffnete sich ein Riss in ihm, ein kleiner Spalt als Anfang eins Bergsturzes brach auf. Innere Hänge kamen ins Rutschen, seine sonst sonnenverwöhnten Matten glitten talwärts in eine Sohle, deren Tiefe ihn saugend erwartete. Die schlanken, blauen Zahlen auf dem Wecker zeigten die Naturkatastrophe präzise an. Angewidert schleuderte er das teuere Designteil durchs Zimmer. Es landete kopfüber neben Buchholz Kiste und erleuchtete batteriebetrieben und stossfest gleichmütig das Parkett dort. Tom war, als schmolz das Blau sein ganzes Elend in einen Kreis fahlen Lichts. 9 h durch E – das war die Formel für seinen Weltuntergang. Auf dem Kopf stehend gaben die Zahlen das Beben akkurat an, das ihm den Boden nehmen würde. Er stand auf und steckte den Wecker weg aus seinem Blick in Buchholz Kiste. Fette Nebel waberten seit Tagen durch die Stadt; die klaren, nächtlichen Linien des Zimmers aus Wirklichkeit und Schatten, schienen in einem Würfel aus Milchglas gefangen und Tom war der Einschluss, der seine Welt zum Fehlguss machte. Er ging zum Fenster, kein Mond zu sehen, nur heller Nebel.
Da wo sie sonst lag, seit sechs Jahren, an seiner Seite, gähnte ein Abgrund neben ihm im Bett und niemand da zum festhalten, nicht mal ein Mond zum Reden, nur sein Licht um die beginnende Katastrophe zu beleuchten. Tom fingerte in der Tasche der Cordhose, die über Buchholz Kiste lag und zündete sich entgegen den strengen Regeln des Paarbetriebs eine Zigarette an. Es gab keine Regeln mehr, denn grundlegende und vor allem ungesagte waren verletzt worden. Nun war kein Halten in dem Fluss, der aus Toms Riss strömte und sich in ihm immer mächtiger werdend zu einem Meer aus schlammigem Geröll ergoss. Und er wusste genau, es waren die unausgesprochen erwarteten stummen Erklärungen und Entschuldigungen, die seine Frau heute Nacht fernbleiben liessen. Das war ein Zeichen, in ihrer Ehe kam so etwas nicht vor. Er trat die Zigarette neben dem Bettvorleger aus. Alles in diesem Zimmer, alles ausser dem Wecker und Buchholz Kiste, hatten sie gemeinsam ausgesucht, wie das gesamte andere Mobiliar ihres neuen, ihres gemeinsamen Lebens auch. Zu hoffnungsvoll diese Bummel durch den IKEA, kein Wunder, dass die Leute ihre Kinder schon so nannten. Wirkliche Liebe kennt keine Kompromisse, sie ist der natürlichste. Und immer diese Einigkeit, die beide nicht nötig hatten, die das Paar aber brauchte und produzierte. Es war sinnlos, sich wieder hinzulegen, wusste er und tat es doch. Was über Stunden Fragen gewesen waren, wurde zu knappen Sätzen, die nicht mehr in ihm kreisten, sondern als Lawine stürzten. „So nicht mit mir!“ schrie jeder fallende Stein, bevor er ihn traf und tiefer ins Bett drückte. Seine Wut erschlug sich selbst. Auf der Seite liegend, flach atmend sah er, wie schwacher Schein von draussen auf Buchholz Kiste fiel. Die hatte sie damals mitgebracht und er ohne Nachdenken ihrem unverständlichen Wunsch nachgegeben, sie hier im Schlafzimmer aufzustellen. Damals, ein Einschluss Zeit vor diesem Jetzt. Vieles an seiner Frau hatte er nie verstanden und hielt für Liebe, dass es ihm egal war. Die Kiste machte ihm sogar Spass, da sie Buchholz, seinem Vorgänger gehörte. Als noch nicht an gemeinsam ausgesuchte Bettvorleger zu denken war, er seine Füsse morgens in ihrem Schlafzimmer in ein Schaffell steckte und gar nicht weiter in den Tag laufen wollte, hatte es ihn angemacht, das hässliche Stück hinter sich zu wissen. Das alberne Möbel eines Mannes, der diese Frau niemals so unter sich und einem Spiegel zum Biegen und Schreien gebracht haben konnte, wie es ihm gelungen war. Buchholz Kiste war eine Erinnerung an ihren Anfang geworden, deshalb mochte er sie immer noch in diesem Zimmer, denn auch hier war sie weiterhin ab und an Zeugin unglaublicher Begegnungen gewesen. Auch das schon damals.
Ihr Deckel hob sich und Tom schoss hoch. Was geschah da? War das ein Wachtraum? Er hatte doch gestern Abend nichts getrunken oder geraucht, also auch nichts Falsches. Das war real oder er wurde wohl wahnsinnig. Jetzt schon? Stimmte die Geschichte doch? Sein Herz begann zu rasen, aber die rauschenden Schläge in seinen Ohren wurden von Stimmen aus der Kiste übertönt, bevor sich ihr Deckel weiter hob und die Vorderwand aufs Parkett krachte. Dann wurde er ganz aufgestossen. Tom erstarrte, als er im matten Licht des Weckers eine Stoffgiraffe, einen Teddybären und einen Holzkasper in der offenen Kiste stehen sah. Die alberne Geschichte von Buchholz raste ihm durch den Kopf. Sein Vorgänger hätte als Kind Angst vor den Figuren einer Abendgrusssendung gehabt, die einmal die Woche für fünf Minuten aus eben so einem Kinderzimmermöbel gestiegen waren, um für die Kinder an den Apparaten ein heimliches Abenteuer im nächtlichen Kinderzimmer zu erleben. Zu seinem Schrecken hatten ihm seine Eltern zum sechsten Geburtstag eine Kiste wie aus dem Fernsehen geschenkt, da es ihm ab da verboten war, seine Plüschtiere und Lieblingsspielzeuge zur Nacht mit ins Bett zu nehmen. Damit die nicht herumlagen, bekamen sie die Kiste, aus der er bei Tag ein Haus oder sogar ein Puppentheater bauen konnte. Buchholz tat es nie und benutze seine Kiste nur auf Befehl. Es war sein Lieblingstraktor, den er unter den Augen der Mutter achtlos und wütend hineingeworfen hatte, der als erster nachts die Klappwand herabrollte, um ihn mit seinem Bett in einen bösen Traum zu schleppen. Noch als erwachsener Mann war Buchholz überzeugt, jede Lieblosigkeit und jede Lüge des Tages kam nachts aus dieser Kiste zu ihm zurück. An sich keine schlechte Idee, dachte Tom, doch seine Frau hatte ihm weiter erzählt, dass diese Kiste auch für jede Angst seines Vorgängers den Kern zu bergen schien und sie sie deshalb bei ihrem Auszug kurzerhand mitgenommen habe, als letzten Dienst sozusagen. Und erst jetzt, als drei Spielzeuge auf ihn zu liefen, fiel ihm auf, wie verrückt es war, dass sie diese Kiste fortan in all ihren Schlafzimmern nach Buchholz aufgestellt hatte. „Ich bin auf der Flucht, da braucht man eine Kiste. In ihr ist, wovor ich immer wieder fliehe, mein Selbst. Sie sagt mir, dass es letztlich keine Flucht vor mir gibt, auch nicht in andere Arme. Darum ist sie so wichtig.“ So hatte sie es ihm zu erklären versucht.
„Was ist hier eigentlich los?“ fragte ihn der Holzkasper mit strenger Stimme. „Genau!“ schloss sich die Giraffe an. „Jetzt guckst du dumm.“ grinste der Teddybär starr. In einer Reihe kamen sie auf ihn zu, schlendernd bedrohlich. Tom wich im Bett zurück. Reiss dich zusammen, zwang er sich und rieb die Augen. Das musste doch wieder aufhören! Rasende Angst, verrückt geworden zu sein, hämmerte ihn steif. Lange Schatten an die Wand werfend kamen die drei näher. „Was wollt ihr?“ schrie er sie an und der Bär kicherte. „Er fürchtet sich, na wie süss.“ Tom schlug sich an den Kopf. Das konnte doch nicht wahr sein, so etwas gab es nicht, er war doch nicht irre. Er sprang auf und trat mit Wucht nach den Angreifern. Dann lag er längs im Zimmer. „Über mich stolpert noch jeder.“ knarrte der Holzkasper. Wie von Geisterhand stand plötzlich die Plüschgiraffe vor seinem Kopf und sah ihm aus schwarzen Knöpfen in die Augen. „Du blutest!“ sagte sie und schrie: „Sani!“ Ein zerbeulter Blechkrankenwagen raste heulend aus der Kiste heran, hielt neben seinem Kopf und brachte ein bunt bedrucktes Taschentuch, das ihm die Giraffe reichte. „Pass bisschen besser auf! Man tritt nicht nach uns.“ Tom tupfte sich die Wunde an der Stirn. „Ist das Buchholz Taschentuch?“ „Wieso?“, fragte der Kasper. „Na weil ihr Buchholz Spielzeug seid.“ „Wer sagt das denn?“ „Meine Frau.“ Wieder kicherte der Bär hinter ihm, „Seine Frau...“ „Lach nicht so blöd!“ schnauzte der Kasper seinen Kollegen an. Dann stand er neben der Giraffe vor Tom. „Es gibt keinen Buchholz und wir, mein Lieber, wir gehören deiner Frau, genauso wie sie uns gehört, seit über dreissig Jahren schon. Kapiert? Du bist ein hilflos Fremder in ihren dunklen Gärten. Wir sind all das, was du an ihr nie verstanden hast, wir sind ihr Geheimnis. Jetzt guck nicht so entsetzt. Setz dich lieber auf den Teppich, tupf deine Wunde, so lange es nur die eine ist und hör uns zu.“ Tom tat wie ihm geheissen und die drei kamen näher, das Krankenauto fuhr in Reichweite, sein Blaulicht liess das Zimmer pulsen. „Also ich gebe dir nicht recht, Teddy“, begann die Giraffe, „das ist schon seine Frau, schliesslich haben sie geheiratet. Zählt zwar nicht bei uns, aber gönnen wir ihm, noch von „seiner“ Frau zu reden. Lasst uns darüber später diskutieren, wenn er weiss, wer sie eigentlich ist, welche Mächte in ihr wohnen. Andererseits, lieber Tom, hat der Kasper völlig recht, bloss weil ein stürmischer Anfang war und ihr miteinander voreinander und vor der Welt in den Paarmodus floht, hast du keinerlei Anspruch auf sie. Verstehst du das? Denke über dich nach und nicht über sie, in dieser ersten Nacht, in der sie nicht nach Hause kommt. Denk über den nach, zudem sie das erste Mal nach sechs Jahren nicht zurückkehrt! Liebe, mein Lieber, ist keine Selbstverständlichkeit. Du machst Kompromisse, weil du sie zu lieben glaubst, sie aber will Liebe. Keine grossen oder kleinen gemeinsamen Nenner, kein freundlich unausgesprochenes Agreement, kein Einigsein, sondern Liebe. Liebe zu dem was sie ist, - eine Frau. Und nicht deine Frau. Vielleicht ist sie heute Nacht wieder auf der Suche, wie damals, als ihr euch traft. Bei dir fand sie nach sechs Jahren nur dich in Auflösung. Sie zu lieben hat dich verändert. Du hast und suchst nicht mehr. Verstehst du was ich meine?“ Toms Geist war starr und offen. Da wo die Lawine ein Loch gerissen hatte, strömte unhaltbar Wahrheit in ihn hinein. Von diesen kleinen, blöden Monstern. „Willst du wissen, wo sie ist?“ säuselte der Teddy. „Egal, ich sag es dir. Sie ist bei dem neuen Kollegen, diesem Sarden. Guck nicht so, ich bekomme noch Mitleid. Ja, Ja ich weiss, das war „eure“ Insel. Pustekuchen, du Knallfrosch. Sardinien ist so wenig euch, wie diese Frau die deine war. Du hast nie begriffen, was ihr dort gefallen hat, was sie im Auge hatte, wenn du neben ihr Bücher redetest oder Bestellungen radebrechtest. Du nahmst ja nicht mal wahr, dass sie die Sprache mittlerweile spricht. Tja und dann kommt da der neue Kollege, geborener Sarde, na gut, zweite Generation und merkt irgendwann, wie sie ihn ansieht. Du genossest jede Sekunde mit ihr. Stimmt das? Siehst du und das war die Klammer. Du hast deine Frau nicht geliebt, du hast sie genossen. Jede Sekunde auf der Insel an ihr dran wie ein Dackel, ausser beim Joggen, deinem Auslauf. Gesogen hast du an ihr, wie an einem Füllhorn. Und sie sitzt währenddessen in einem Film, dessen Ton sie abgedreht hat, sieht das schwarze Funkeln dieser freien Männer an sich vorüber laufen, manche bleiben stehen, ohne gleich ihr Leben auf sie bauen zu wollen. Und plötzlich das ganze jeden Mittag in der Kantine und wie weggeblasen sind alle kalten Nebel. Da brach sie halt zusammen. Unter dir! Dunkel im Kern ist sie genau wie du Tom. Eure grösste Ähnlichkeit war euer Verhängnis, ihr habt euch die tollen Menschen gegenseitig vorgeschwiegen. Unter dem Level auf dem ihr euch traft, war noch so viel, bei beiden. Erst mit den Jahren hat sie begriffen, das Wichtigste in deinen Redefluten sind die unbenannten Inseln, die du in einem Meer aus Worten geschickt umschiffst, so dass sie nur aus Versehen am Horizont auftauchen. Du hast doch selbst geglaubt, was du deiner Frau von dir zeigtest! Darum war sie die Liebe deines Lebens, weil sie dich so schön gross gemacht hat. Gleichzeitig findet sie dich, am Boden ihrer Gefühle, winzig klein. Und das reicht nicht. Du wirst neue Tiefen kennen lernen, da ihre dich nun mitreissen. Tauchen in ihnen wolltest du ja nicht. Der Sarde hat den Schnorchel schon draussen, das sag ich dir.“ In jeder Zelle Toms wuchs ein Schmerz, ihm tat das Leben weh. Der Holzkasper sah in streng an. „Euer Sein war prall gefüllt mit Ereignissen, Ritualen, Gemeinsamkeit und deinen vielen Worten. Sie ging sich selbst in Euch verloren. Sie liebt dich nicht. Und bei all eurer Einigkeit, deinen Beschwörungen eurer Einmaligkeit als Zweierwesen kann sie es dir nur so zeigen wie heute Nacht. Weißt du was dein Fehler ist? Du leidest zu wenig. Du warst zufrieden, mit dem was du hattest. Das hat sie entsetzt und auch verletzt. Jetzt lehrt sie dich leiden.“ „Aber ich liebe sie doch wirklich, wie keine andere je.“ antwortete Tom leise. Ungelenk kam der Holzkasper weiter auf ihn zu. „Sag mal, muss erst noch der Panzer aus der Kiste rollen, bevor du begreifst? Du liebtest, was du an ihr hattest, nicht sie. Und richtigerweise weiss sie, du wirst nur leidend lernen. Nicht mehr für sie. „Aber ich will sie nicht verlassen!“, erwiderte Tom. „Das musst du auch nicht, sie wird dich zwischen all den geschraubten Möbeln hocken lassen. Sie tut es schon.“ „Aber, sie muss doch mit mir reden!“ „Tut sie, jetzt und hier. Du wirst ohne sie begreifen müssen, was Liebe gewesen wäre. Denn loslassen wirst du sie lange nicht können, zu stark ist ihre Macht. Kein Hund hat je so gelitten, wie du es tun wirst. Das kann ich dir versprechen. Und noch eine Bitte, bevor wir Dich vorerst deinem Schicksal überlassen: Rauche bitte nicht im Schlafzimmer. Die Kiste ist nicht mehr ganz dicht und wir fangen an zu stinken.“ „Du weißt ja nicht wie es ist, frisch gewaschen auf die Leine gehangen zu werden. Mit der Klammer an den Ohren“ pflichtete der Teddybär bei, „Kasper, wir müssen zurück, die Batterie vom Krankenwagen hält nicht ewig und ich habe keine Lust, ihn wieder schieben zu müssen. Du Tom legst morgen neue in die Kiste. Und so viele, dass es auch für das Radio im Wecker reicht. Ist das klar?“ Tom nickte automatisch und beobachtete starr, wie sich die drei Spielzeuge auf den Weg zurück machten. Als letztes fuhr der Krankenwagen matt die Rampe hoch, dann zogen sie der Teddy und der Kasper ächzend nach oben. Kurz sah Tom noch mal den Kopf der Giraffe nach dem Deckel beissen, dann fiel er scheppernd zu. Was war das denn? Tom setzte sich auf die Kiste, die bedrohlich wankte und zündete sich eine Zigarette an. Sein Schmerz liess keinen Gedanken zu und er gab sich ihm hin. Der Tag versuchte durch die Nebel zu brechen, als die Wohnungstür ging. Tom erwachte aus seiner Trance und warf Sachen in einen Koffer. Dann ging er zu seiner Frau in die Küche. Schön und fremd stand sie vor ihm, anziehender als je zuvor. Seine eigenen Worte, in ihr geheimnisvolles Gesicht gesagt, zerrissen ihn fast. „Ich werde erst einmal ausziehen und mir überlegen was nun zu tun ist. Ich lass dir alles da und werde schweigen. Nur Buchholz Kiste, die nehme ich mit.“ Seine Frau lächelte ihn aus dunklen Tiefen an. „Ja klar, dafür ist sie da.“

Das es aus blauem Himmel regnen konnte, hatte ich schon mal gewusst. In dieser hellen Abendstunde zeigte der April alles, was seinen wankelmütigen Ruf ausmachte. Fröstelnd stand ich hinter meinem Auto und rauchte, entgegen der guten Gewohnheit, ohne getrunken zu haben. Ich war nervös und viel zu früh dran. Der Blick in den tropfenden, fremden Wald erinnerte mich an kleine Ewigkeiten, die ich mit geschultertem Gewehr um thüringische Waffendepots zu streifen hatte. Die Sinnlosigkeit der Rundgänge, wer interessiert sich schon für vierzig Jahre alte, zerlegte, rostende Panzer, erfüllte mich bald mit einer angenehmen, neuen Ruhe. Ich begann Gedichte auswendig zu lernen, mit denen ich noch heute Wartezeiten fülle. So wie jetzt. Und mir fiel sofort das einzig passende ein: „Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde! Es war getan fast eh gedacht;.... Zeile für Zeile fand ich mich in nämlicher Situation wieder. Doch die dritte Strophe begann schon holpernd und nach: Und jeder Atemzug für dich. war Schluss. Deklamatio Interruptus! Was zum Teufel umgab das liebliche Gesicht? Ich war etwas irre.
Seit mich Frau Hirschler nach dem Morgenrapport zur Seite genommen hatte: “Haben sie heute Abend etwas vor? Wenn nicht, acht Uhr, A1 Richtung Frankfurt, Parkplatz Würzenstock. Sein sie pünktlich! Eine Entschuldigung für zu Hause haben sie ja wohl!“, hatte ich keinen klaren Gedanken mehr gefasst und nichts mehr gegessen. Es war also passiert, jetzt war ich dran, die Kollegen hatten Recht behalten. Seitdem ich in der Firma war, redeten die davon, das Karriere hier nur direkt über Frau Hirschler zu machen sei. Kein Thema für mich, Frau Hirschler war eine andere Liga. Rotmähnig, ausladend wohlgebaut, war die Mittvierzigerin die Verführung an sich und ihr Mann, unser großer Chef Alexander Hirschler, hatte klug entschieden, ihr den Verkauf allein zu überlassen. Unglaublich war es anzusehen, wie sie Grosskunden durch die Räume unserer kleinen Bude führte. Mit ihrem dann, nur auf den potentiellen Abnehmer fixierten, wärmelnden Gehabe, hätte sie besser einen Edelpuff präsentiert als eine Softwarefirma. Wenn sie dabei hinter mir stand und sagte: „Das ist unser Herr Klaus, der schreibt dann auch ihr Programm.“, und ihr, in eine meist pastellfarbene Kostümjacke gepresster Busen, meine Ohren nur knapp verfehlte, musste ich hinterher in aller Regel zur Toilette. Über zwei Jahre war Frau Hirschler so zur Leinwand meiner sexuellen Phantasien und Fingerübungen geworden. Der dunkle Wagen rollte knapp vor meinen gewienerten Schuhspitzen aus. Resigniert beendete ich die Suche nach der fehlenden Zeile. Im Auto ging Licht an und Frau Hirschler winkte mich zu sich. Ich stieg durch die Tür, die spielend einer Kindergartengruppe gleichzeitiges Einsteigen erlaubt hätte. „Guten Abend Frau Hirschler“ stammelte ich. Sie wandte sich zu mir, ein Einatmen folgte, das fast die Knöpfe der Jacke barsten und dann: “Gesine, für dich nur noch Gesine!“ Sie küsste zwei ihrer Finger und legte sie mir auf den Mund. „Du weißt warum wir uns hier treffen?“ Ich stammelte: „Na ja, so richtig nicht, ich könnte mir denken...“ Und schon hatte ich ihr Gesicht sehr nah vor mir. Die schweren, nass glänzenden Lippen schienen unhörbare Worte zu beten. Gesine brauchte schon jetzt mehr Luft. Ihr warmer, sauberer Atem strich mir die Wangen herauf und elektrisierte den Hinterkopf. Lass es geschehen! Noch ehe ich mir den Mut fertig zugesprochen hatte, saß der erste Kuss. Nass. Lang. Tief. Zum Glück hatte ich ja nichts mehr gegessen. Sie rutschte ganz über die Mittelkonsole, nahm meinen Kopf fest in beide Hände und begann mir das Programmiererhirn durch den Mund zu saugen. Vorsichtig landeten meine Hände auf ihrer Jacke und kneteten die Schulterpolster, um kurz darauf nach vorn fahrend die nackte Haut ihres Dekolletés zu streifen. Ein Grunzen entfuhr ihr. „Ja fass mich an, fass mich überall an!“ Sie nahm meine Hand, steckte sie sich in den Busen: „Willst du mehr sehen? Willst du alles sehen? Du kleiner gieriger Junge du! Willst du deine Chefin nackt sehen? Willst du das? Du Gierhals, du!“ Dann liess sie von mir ab, plumpste, ohne mich aus den grünen Augen zu lassen, zurück in den Fahrersessel und betätigte einen der vielen Knöpfe im Wurzelholz. Leise surrend zogen sich schwarze Rollos aus dem Autohimmel alle Scheiben herab. Ich berührte das an meiner Seite: „Leder!“ staunte ich. „Ist aber gefährlich bei zweihundertsechzig.“ und wies vom Tacho auf die schwarz verhangene Frontscheibe. „Geht auch nur im Stand, du Schlaumeier. Werde nicht neidisch, dieses Auto ist dreissig Stunden die Woche mein Zuhause. Mehr habe ich nicht, außer natürlich dich bald!“ „Und warum gerade ich?“ „Warum gerade du? Gute Frage!. Warum gerade du?“ Sie zündete sich zwei Zigaretten an, gab mir eine und begann: „Weil du so unglaublich normal bist. So unverstellt! Ich bin von Papageien umgeben. Lackaffen, die sich für sonst was halten und vor lauter Stil keine Haltung mehr haben. Von ewigen Gewinnern. Die wollen Ihre Zerrissenheit an einer Frau ausleben. Ich bin nur Spiegelsaal. Auch dunkelster Sex ist nur Teil ihres hoch differenzierten Spiels mit sich selbst. Kennst Du die Antwort auf die Frage: Wen liebt der verliebte Mann? - Sich selbst! Du bist da so anders! Nicht Design, sondern echt! Wenig Schale, viel Kern. Übrigens hat noch jeder deiner Kollegen hier gekniffen, das wird bei Dir anders sein! Ich weiss das“ Sie rückte wieder näher, strich mir über den Kopf und rauchte mir sprechend in den Mund: „Dein Schnurrbart, deine Frisur, das alles verrät mir die gelassene Ruhe des jungen Kleingärtners. Die ich suche.“ Das war zuviel: „Also erlaube mal, wir haben keinen Garten.“ „ Natürlich habt ihr keinen! Aber wie schön, du sagst „WIR“. Genau das ist es: Wir haben keinen Garten. Das ist, was mir gefällt! Außerdem haben doch sicher die Schwiegereltern einen und ihr fahrt am Wochenende mit den Rädern raus. Dann bratet ihr Würste, du trinkst ein Bier mit dem Schwiegervater, die Frauen spielen auf der Hollywoodschaukel mit der Kleinen. Wenn ihr heimkommt macht ihr noch ein bisschen Sex, zügig, weil so verrückt seid ihr ja beide nicht mehr danach und dann schläfst du ein. Zufrieden. Verstehst du was ich suche: zufriedene Männer. Die sich ein kleines Reich geschaffen haben und stolz darauf sind. Und ich will wissen wie das funktioniert! Dir werde ich das Geheimnis entlocken, deinen Kern sehen!“ Ich war sprachlos. Abgesehen von den Beleidigungen, Spießer wissen das sie keine sind, faszinierten mich Gesines Worte. Beim Gedanken an das „Geheimnis“, zog es mir an einer Stelle im Unterbauch, an der ich bisher nur Darm vermutet hätte. Sie drückte einen weiteren Knopf. Mein Sitz bewegte sich in die Horizontale. “Tja, bei Chefs ist auch tote Hose im Schlafzimmer.“ lachte sie mich an. „Da muss man sich organisieren. Ich kann mich nicht entsinnen, wann ich zuletzt mit einem Mann im Bett war, aber hier im Auto, da weiß ich es ziemlich genau.“ Sie zog die Jacke ab: “Zieh dich auch schon ein wenig aus, für die große Spannungsparty ist es hier zu eng.“ Geübt entledigte sie sich ihres Kostüms und saß rasch in Unterwäsche vor mir. Die riesigen weißen Körbe konnte den zarten Inhalt, der all ihren Bewegungen sanft nachlief, kaum bändigen. Nach einigem Gewurstel saß ich in Unterhose und Hemd vor ihr. Langsam kam sie zu mir gekrabbelt und fauchte um meinen Kopf: „Zieh das aus hier, ich muss deine Haut spüren!“ dabei zerrte sie an meinem in Ehren ergrauten Feinripp. Es flog auf die Rückbank. Dann warf sie sich auf mich und presste sich an: “Wie schön dich zu spüren! Deine Haut! Dein Bauch! Komm! Komm! Spüre auch du mein Gewicht!“ Mir nahm es fast die Luft, sie turnte unbeirrt weiter : “Der Bauch! Dieser Bauch! Du ahnst nicht wie heiß mich dein Bierbauch macht!“ „Aber was gefällt dir an einem Bierbauch?“ presste ich hervor. Kurz hielt sie inne und stütze ihre Ellenbogen auf meine Brust: „Eben die Ruhe die er ausstrahlt, die Gelassenheit. Außerdem mag ich keine dünnen Männer, du wirst gleich merken warum.“ und schon war die Pause vorbei, sie war wieder überall. Mein Knie geriet zwischen ihre Schenkel. „Ja...! Ja...! Gut...!“ dampfte sie, „Ich will mich an dir reiben! Gib dich ganz hin, du musst gar nichts machen, sei nur da, sei bereit.“ Mit diesen Worten begann sie einen wilden Tanz auf meiner Kniescheibe, bei dem ein spacker Mann vielleicht kaputtgegangen wäre. Rhythmisch grub sie mich im Ledersessel ein. Fasziniert beobachtete ich die Eruptionen über mir. Und dann kam sie, die fehlende Zeile: „Ein rosenfarbnes Frühlingswetter - Umgab das liebliche Gesicht, und Zärtlichkeit für mich - ihr Götter! Ich hofft es, ich verdient es nicht! Schnell war alles vorbei, sie sank auf mir zusammen. Nach einer Zeit, so lang wie das komplette „Willkommen und Abschied“, kitzelte wieder ihr Atem: „Das muss ich heute noch oft haben! Hörst Du? Ganz oft!“ Langsam begann sie sich an mir herabzuküssen. Ihr Haar lag auf meinem Gesicht als sie mir die Brustwarzen zerbiss. Ich kostete: echtes Rot! Sie kam tiefer, versuchte mich am Bauchnabel aufzublasen und hatte ihn plötzlich im Mund. Doch alles saugen, beißen, kitzeln, kneten, knebeln nützte nichts, meine Männlichkeit blieb hosenkompatibel. Während sie mir schnaufend die Schwellkörper malträtierte, fiel es mir auf, er hatte die ganze Zeit nicht reagiert. Sicher irgendwie erregt war ich auch, aber da unten war Ruhe. Und würde wohl auch bleiben, so wie sich das anfühlte. Wie konnte ich das auch vergessen! Immer schon hatte ich bei derartigen sexuellen Frontalangriffen versagt. Wann war das eigentlich das letzte Mal gewesen? Ich kam nicht zum Überlegen, denn schon hatte ich wieder ihr Gesicht vor Augen. „Mach dir keine Sorgen, das kriegen wir alles hin. Ich bin Managerin! Wie ist das sonst wenn du an mich denkst? Reagiert er da? Oder hilfst du ein wenig nach? Etwa so?“ Ihre Hand spielte. Aber woher wusste sie denn? „Woher weißt du denn...“ sie unterbrach mich mit einem weichen, fast bewegungslosen Kuss: “Ach du! Das sieht eine Frau doch! Dir läuft nicht der Geifer wie den Anderen im Büro. Du scheinst genüsslich die Lippen zu lecken, weil du schon hattest. Du hattest mich doch schon tausendmal, hier in deinem kleinen schlauen Kopf! Oder stimmt das etwa nicht?“ Ich massierte ihr vorsichtig den Hintern: “Ja schon, aber ehrlich gesagt, ich glaube das wird nichts - mit dem da.“ Sie kreiste wieder unter meinen Händen: “Wieso denn nicht?“ „Weil der das nicht gewöhnt ist. Ein Penis der zu Hause auf „Schwulli“ hört, bei dem es sonst zwei vertraute Griffe braucht und er weiß was kommt, der ist von so einem Sonderangebot überfahren. Solche Feiern bin ich nicht gewöhnt.“ Gesine rieb sich weiter stöhnend auf mir, als wäre der Streikende in erquicklicherer Position. “Und wenn du selbst alles tust, wie wenn du an mich denkst. Ich fände es schön.“ Um Gotteswillen! Das geht zu weit! „Hör auf Gesine, das kann ich nicht!“ Sie wurde ruhiger und nahm mir die Hand von den Augen: „Aber wie macht ihr das denn dann zu Hause? Irgendwie müsst ihr doch auch...“ „Die Worte. Es gibt so Worte, weißt du.“ „Ach so, kein Problem, dann sag mir die Worte, ...ich will sie dir... überall hin... küssen!“ „Nein, das geht gleich gar nicht! Die kann nur sie mir sagen, das sind unsere Worte, weißt du.“ Gesine setzte sich auf, ihre Brüste wankten bedrohlich über mir. „Eure Worte! Ja..., also eure Worte. Ich verstehe. Und die würden helfen?“ dabei öffnete sie die Mittelkonsole. Nach einigem fischen, händigte sie mir ihr Handy aus: „Na los, dann ruf sie an!“ „Du spinnst doch!“ Ich warf das Ding zurück. Plötzlich drückten mir ihre starken Schenkel in die Seiten: „Sag so was nie! Und ruf jetzt an! Los ruf an und lass dir eure Schweinchenworte sagen! Los jetzt!“ Ohne zu wissen wie mir geschah, nahm ich ihr das Telefon aus der Scham und wählte die Nummer unter der ich sonst nur Absprachen für das Abendessen traf. Wie würde meine Frau reagieren? Natürlich hatten wir in Studien- und Armeezeiten ab und an Telefonsex gehabt, ja unser erster Sex war fernmündlich gewesen. Der Heimatpfarrer hatte mir Ihre Geschichte ins Besucherzentrum der Kaserne mitgebracht. Er wollte mich mit Menschlichkeiten ablenken und erzählte von einem gleichaltrigen Mädchen, das auf eine Abenteuerzelttour zu Fuß von Berlin an die Ostsee schon während der ersten Übernachtung kurz hinter Oranienburg, die eng begrenzten Vorräte Aller vertilgt hatte. Mich faszinierte die Geschichte, von der ersten Bulämikerin der DDR, die den Rest der Wanderung stumm mitmachte und sich nicht zurück schicken ließ, derart, dass mir der Pfarrer Ihre Nummer gab. Im folgenden Jahr telefonierten wir ausschließlich und hatten schon Sex , bevor wir uns das erste Mal sahen. Nach dem zweiten Läuten ging sie rann. „Hallo Schatz, ich bin` s. Na wie geht’s, was macht die Kleine?“ Während mir meine Gattin vom Spielplatz, dem Besuch der Schwiegermutter und einer Einladung für Samstag erzählte, ritt Gesine auf mir aus. Und tatsächlich alles was reagieren sollte, reagierte plötzlich. Mühsam hielt ich meinen Atem zusammen: „Ja ich muss hier noch was zu Ende machen, kann mich nur im Moment schlecht konzentrieren, warte bloß nicht mit dem Abendessen, das wird heute ganz spät.“ Gesine nickte im Takt. „Sag mal Schatz kannst du mir einen Gefallen tun, wegen meiner Konzentration, sag mir doch mal unsere Worte. Ich möchte entspannen! Ja, Ja, unsere Bettworte, du weißt schon welche. Doch bitte jetzt! Mir ist gerade sosehr so. Ja das zum Beispiel... Tatsächlich murmelte sie mir mit einiger Selbstverständlichkeit all ihre Zauberworte ins Ohr, als läge sie neben mir. Gesine platzierte den nun Aufrechten und ging zum Trab über. Um die Geräuschkulisse erträglich zu halten, hatte sie sich ihre Handtasche in den Mund gesteckt und biss kräftig darauf herum. Meine Frau spürte meine wachsende Erregung und wählte jetzt Wörter der heftigeren Art, auch welche die ich gar nicht kannte. Gesines Kopf schlug gegen den Autohimmel, meine Frau und ich schrieen ins Telefon. Wir kamen. Alle.

Den kleinen Antiquar kannten alle in der Stadt. Inmitten der unansehnlichen Einkaufstrasse lockte sein Schaufenster in alte Welten, in Zeiten, die so gut gewesen sein sollen, dass selbst das Haus noch Farbe hatte. Sagten die Alten. Die Auslagen kannten wir, seit wir daran vorbei laufen konnten. Zwar gab es genau so wenig Interessantes zu sehen, wie beim Kaufhaus nebenan, wo hinter riesigen Glasscheiben Puppenkinder braune Anoraks zeigten. Beim Antiquar lagen dicke Bücher mit unleserlicher goldener Schrift aus. Aber eben, es gab nicht wirklich was zu sehen und das machte den Laden anziehend. Im Dunkel hinter der Scheibe bewegte sich manchmal ein kleiner Mann zwischen den Regalen. Katzenhaft geschmeidig oder auch tänzelnd, konnte er einem Kunden auf Anhieb das Gewünschte liefern.
Vielleicht mit fünfzehn betraten wir die dunklen Räume erstmals. Der Antiquar war allein und schien im Halbdunkel wesentlich jünger zu sein, als das gebückte Männlein, das man durch die Scheibe wuseln sah. Klein mit fallenden Schultern stand er vor uns und lächelte freundlich unter einem sehr schwarzen Schnurbart. Vielleicht war der gefärbt, das halblange, hinten fast auf die Schultern fallende pechschwarze Haar schien silbrig durchzogen. Wir hätten ihn für einen Italiener halten können, wenn wir schon mal einen gesehen hätten. Doch in dieser Stadt aus bröckelnden Mauern und Menschen im Nebel gab es keine Italiener. Höchstens im Interhotel, in dessen Nachtbar der Antiquar oft gesehen wurde. Zumindest stand das so in seiner Akte.
Er lachte uns ins Gesicht als er unser Ansinnen vernommen hatte. „So, so Kabale und Liebe brauchen die Herren. Neunte Klasse also. Folgt mir.“ In einer dunklen Ecke des Ladens blieb er vor einem Regal voller Taschenbücher stehen. „Das sind die Reclams hier, selbst die sind ja in diesem Land schwarz. Sucht selbst, Schiller ist da, das ganze unterste Fach Kabale.“ Dann liess er uns allein und wir stöberten bei Shakespeare herum, denn das Gesuchte hielten wir viel zu schnell in der Hand. War es der Odem alten Geistes, der uns immer tiefer in die Ecken kriechen liess? In den Geruch aus altem Papier, in den sich ein bisschen Verwesung mischte. Wir überlegten, ob es nur die Bücher oder aber die alten Gedanken waren, die da schon ein wenig gammelten. Wir konnten noch nicht wissen, dass zwar die Formen immer wieder wandeln, die Inhalte sich aber nur in Nuancen verändern und entwickeln. „Ihr zwei Hübschen solltet den Werther lesen.“ Sagte der Antiquar als wir wieder an der alten Kasse standen. „Der wirkt heute noch, auch wenn er schwer zu lesen ist. Dessen Probleme habt ihr, bevor ihr mit Kabale und Liebe zu tun bekommt. Ich bekomme je eine Mark für die Kabale. Und da ich gebe euch einen Werther dazu und da auch noch die Räuber. Wenn es schon Schiller sein soll. Ihr könnt ja tauschen und wenn ihr ausgelesen habt, bringt ihr mir das wieder und bekommt was Neues. Seine dunklen Augenknöpfe glänzten in warmer Frechheit. Er lachte uns an und aus. Beides.
2
Ein paar Jahre später gingen wir wieder in das Antiquariat. Alles war wie es immer gewesen war, die Strasse trist, das Haus verkommen, der Laden dunkel, der Mann klein, schnell, geschmeidig, nur der Freund an meiner Seite war ein anderer geworden. Einer auf den ich hörte, einer der wusste, was er bei dem in der Bücherhöhle wollte. Und der mir erklären musste, welche Rolle ein Antiquar in einem Land spielt, in dem Zensur herrscht. Der wirbelnde, dunkle Mann mit den blitzenden Augen schien meinen neuen Freund zu kennen. Ich sah das an ihrem Blick, der anderes redete, als ihre Sätze, die um irgendein vergriffenes Buch gingen. Wieder wurden wir in eine dunkle Ecke gewiesen, diesmal fanden wir dort den Steppenwolf. Mein Freund erklärte mir, das sei eines der Bücher, welches in diesem Land einfach nicht gedruckt wurde, ohne das es irgendwie verboten gewesen wäre. Dann zeigte er mir das Ausgabedatum. Es lag noch vor dem Weltkrieg. Langsam verstand ich, warum das der wichtigste Laden in der Stadt war. Als mein Freund bezahlte, sah ich, wie sich seine und des Antiquars Blicke draussen kreuzten. Bei den Menschen mit den Biergesichtern auf dem tristen Boulevard. Abscheu, ja Ekel schien die beiden zu verbinden. Fast hätte ich nicht bemerkt, wie mein neuer Freund schon nach den Abschiedsformeln, ein in Zeitung eingeschlagenes Paket über den Ladentisch geschoben bekam, für das die Kasse nicht klingelte. Schnell verliessen wir den Laden. Draussen gab mir mein Freund mit den Worten: „Werde wach!“ den Hesse und liess das Paket tief in seinem Mantel verschwinden. Auf die Frage erklärte er mir, dass es der Dichter Rainer Kunze sei, den er da mitbekommen habe. „Weißt Du, der sägt mit wenigen Worten und Sätzen an den Lügen. Darum ist er so gefährlich, denn dieses Land steht auf ihnen. Ein paar Gedanken von ihm, könnten diesen ganzen Staat zusammenfallen lassen. Darum ist er verboten.
3
Wieder ein paar Jahre später stürzte der Staat aus Schweinefett tatsächlich in sich zusammen. Ein fast endloser Demonstrationszug schlurfte auch am Antiquariat vorbei, wo sein Besitzer Innen mit verschränkten Armen hinter der Scheibe stand und die ganze Szenerie lächelnd und freundlich nickend verfolgte. Meinen Freund und mich erkannte er nicht. Fast keiner von denen, die da an ihm vorbeizogen, hatte je von den gefährlichen Worten gehört, mit denen der kleine Mann gehandelt hatte. Nur die Mutigen in der ersten Reihe des Zuges, die eigentlichen friedlichen Revolutionäre, hatte ihm Zeichen hinter die Scheibe gewunken. Lässig antwortete er und war sich immer wieder mit der Hand durch das schwarz-silberne Haar gefahren. Nur im Laden konnte man die Tränen sehen. Tränen aus dunklen Augen in einem lächelnd traurigen Gesicht. Seit wir ihn kannten, ein Drittel unseres Lebens immerhin, war er in seiner „italienischen“ Mittelalterlichkeit verblieben. Echte Italiener hatte wir immer noch nicht gesehen. Und wieder glaubte ich diesen Widerwillen in seinem Gesicht zu sehen, mass er uns Tausende, die wir, unter uns sicher, eine Revolution wagten. Während wir uns noch toll fühlten wenn wir „Wir sind das Volk“ riefen, nahm er die Folgelosung um Wochen vorweg und breitete eine DDR-Fahne mit herausgeschnittenem Emblem in seinem Schaufenster aus. Über dass hässliche Loch im roten Teil der Fahne hatte er eine Pappe geklebt.
Wir sind EIN Volk. Doch wir werden bluten. Alle.
Mein Freund der immer alles wusste, schüttelte den Kopf. „Der ist seiner Zeit voraus. Der weiss schon was kommt. Schade um uns, Schade um unseren Mut, Schade um diese Revolution, die ihr Ziel in Videorecordern und Gebrauchtwagen finden wird. Wissend sah er durch die Scheibe, hinter der der Antiquar gerade überlegte, woher er Reiseführer für Italien billig herbekommen könnte. Und die andere Welt, die gerade noch der Klassenfeind gewesen war, kam mit Zigaretten und Bier, mit Chupa Chups und Ramazotti und stopfte uns das Maul, wie es die Kommunisten mit Ihrem Gulasch nie geschafft hätten. Werbematerial, Hilfsmittel zum auf sich selbst zeigen, zum „Hallo hier ICH“ schreien, gab es auch recht bald zu kaufen und so kam der Antiquar zu grossen gelben Klebebuchstaben. Als wir eine Woche später wieder an seinem Schaufenster vorbei zogen, war er nicht mehr drin, er war die Reiseführer besorgen gefahren. Dafür hatte er in grossen Lettern an den Laden geklebt:
GING ES NICHT UM FREIHEIT?
Keiner verstand das, nicht mal mein kluger Freund, der aber auch immer stiller wurde. Man schrie jetzt tatsächlich mehr Deutschland als Freiheit im Zug.
4
Monate später war dieser auf Schienen in blühende Landschaften verteilt. Die Demonstrationen hatten sich aufgelöst und jeder raffte ganz für sich an seinen Leinen, die Wende zu schaffen. Am besten konnten das die Boote mit den roten Segeln. Mein Freund hatte viel mit Politik und ich einfach mit dem Arsch an die Wand zu kommen zu tun. Er ging noch zwei Jahre lang abends an irgendwelche Versammlungen, löste die Stasi mit auf und tat lauter edles Zeug.
So war es wieder ein anderer Freund mit dem ich nun meine Zeit verbrachte. Ich traf ihn beim Verkaufen, denn auch ich war nun ein Verkäufer geworden. Wir gingen herum und verkauften. Irgendwas. Das Land war wieder geteilt. In Käufer und Verkäufer. Sein oder nicht sein. Wir lernten das Phänomen Gewinn kennen. Im zusammengefallenen Grauland, war jeder Profit schon anrüchig gewesen. Jetzt genossen wir, abends das „Mehr“ in den Taschen knistern zu spüren. Gewinne machen war anstrengend. Was machen Gewinner abends? Sie saufen und huren herum zur Entspannung.
Die ganz tollen Gewinnideen kamen aus dem Westen. Zum Beispiel die, ein altes Zelt des ungarischen Staatszirkus am Rande der Stadt aufzustellen und darin riesige Bars aufzubauen und laut wie nie gehört Musik auf eine Tanzfläche knallen zu lassen. Wir hielten sogar die Kalamaresringe und Tzaziki aus Eimern für exotisch. Wortlos wurde tausendfach an einem Abend auf die neue Freiheit angestossen, sich die Nacht bis zum Morgen um die Ohren schlagen zu können. Das Grauland hatte auch den Schlaf seiner Bürger im Auge gehabt. Einmal waren mein neuer Freund mit dem man nicht so viel reden, aber toll Gewinne versaufen konnte, und ich relativ früh in dem Zelt angekommen. Die Manege noch leer. Musik spielte nur leise, das Geklimper der leeren Flaschen vom Vorabend war lauter. Ein bepackter Ordner in Bomberjacke und Springerstiefeln schob gleichmütig einen extrabreiten Besen über die Tanzfläche. Plötzlich setzte die Musik ein, der Ordner verstand und räumte das Feld. Wie am selben Strick gezogen kam ein kleiner dunkler Mann auf die blau lackierten Holzplatten geeilt. Im Kegel eines einzelnen Scheinwerfers begann der Antiquar zu tanzen.
START ME UP
Sein Blick folgte dem Lichtstrahl nach oben, während er sich selbstvergessen drehte und das graue Haar aus dem Nacken strich. Meinem neuen Freund erzählte ich die Geschichte des Mannes, der seine Revolution nur noch angesehen hatte. Sein deutliches Mittelalter fiel mir auch jetzt auf, wo ich wusste, dass Italiener ähnlich, aber nicht so wie er aussahen. Auf jeden Fall fielen diese karierten Karottenhosen flach. So allein in den wechselnd bunten Kreisen, in der dröhnenden Musik schwebend, von Bässen durch das Zirkuszelt getrieben, wirkte der Antiquar wie über fünfzig und etwas albern. Aber genau das schien ihm nichts auszumachen. Eine Stunde oder länger drehte er sich mit sich selbst in den Lichtern, bis sich endlich zwei Mädels seiner erbarmten. Er lächelte sie an, umtanzte sie ein wenig galant, trippelte vor Ihnen herum und tanzte weiter seinen Tanz für sich, bis sie wieder gingen. Irgendwann bekam ich mit, der Antiquar kam einmal die Woche und tanzte vom ersten bis zum letzten Lied durch. Pausen gönnte er sich etwa alle Stunde, dann ging er zur Toilette, füllte sich rasch mit einem Liter Wasser ab und schwebte weiter. Viele hatten ihn im Auge. Die Freiheit war etwas Neues, für uns alle. Besonders die Freiheit der Anderen. Frauen sprachen ihn an, natürlich auch Männer, er lächelte, sagte nie viel und tanzte sich aus allem davon. Mehr als einmal verschwand er Kreise drehend mit seinem grossen Glas Wasser von der Bar, hatte ihn dort jemand angesprochen.
Jahre später, als ich, wie Viele die dem Geld nach aus dem Land gegangen waren, dem man vorerst nur Coca Cola in die Roten Banner geschrieben hatte, wiederkehrte, sah ich den Antiquar wieder. Das Zelt war längst abgerissen, der Unternehmer wurde gesucht, da er es freilich nie beim ungarischen Staatszirkus bezahlt hatte, die Stadt hatte jetzt wenig Bares aber Bars an jeder Ecke. Das feinste und erste Haus an bester Lage ersetzte nun das alte Antiquariat. Sessel und feines Licht lockten in eine Lounge, der erste Schritt zu einem kleinen Tanztempel im Keller. Dort drehte sich der Antiquar wieder in den Lichtern. Erwachsen geworden fasste ich Mut und fragte ihn, ob das hier sein Laden sei. Er lachte. Nein, er habe das Haus nur verpachtet, was ihm erlaube, nun endlich seine Freiheit zu leben. „Was ist ihre Freiheit?“ fragte ich ihn. Der kleine schwarze Schnurbart hüpfte beim Lächeln. „Euch davon tanzen. Auf euren feisten Nasen davon tanzen.“ Dann drehte er sich wieder in den Lichtern. SLAVE TO THE RHYTHM
götz schwirtz c.a. 2005

Und als uns all Deine Lippen wieder freigaben, als wieder fremde Lichter schienen, da wankten wir, ein wenig glücklich, dorthin zurück, von wo wir gekommen waren, von wo das Licht kam, hinter die Lamellen der hölzernen Läden, in die Welt aus Sonntag, die Stadt aus heissem Stein, auf Strassen aus Staub. Berauscht von der Haut des Anderen, blaufleckig und taub unserer Gier, war uns deine alte Freundin Basel in Stunden fremd geworden. Nest war sie nur hinter den Türen. Unbekannt jetzt, wie ihre Menschen, die im Sonntagsstaat an unseren Kaffeetassen vorbeipromenierten, Kinder erzogen oder laufen liessen, Räder schoben, in Bikinis und Kniehosen ihre Badebündel den Rhein aufwärts trugen, um sich dann später gesichert mit den Niveasäcken den Strom hinab treiben zu lassen. Der Tag war heiss und Hunderte vertrieben sich so die Zeit. Alle schienen zu zeigen: Ich bin ich oder Ich bin nichts. Und wir verstanden, Paar unter ihnen, zwei Andere unter Anderen im Fremdsein gleich. Und weiter zogen wir durch die matten Sonntagsstrassen und taten was alle tun, die so ineinander gefallen waren, wir versuchten die dunklen Bande der Stunden zwischen Teppich und Bett in den hellen Tag zu retten, die Angst vor Alltag im Genick. Und fanden uns also vor den Schaufenstern der Möbelhandlungen wieder und lachten uns aus dafür und küssten uns deswegen.
Aus diesem Kuss fiel dein Blick auf die junge Frau gegenüber auf der Strasse, die unter den Bäumen der Claramatte im Schatten um sich selbst trieb und in die offenen Scheiben, Dächer und Verdecke der wenigen Wagen lächelte. In der Linken eine Zigarette, winkte sie mit der Rechten kleine Zeichen in die Autos. Die Fahrer schienen sie nicht zu bemerken. In einem den mageren Körper betonenden Ensemble aus einer zehnmal vergangenen Mode gekleidet, wirkte sie, auch mit herauswachsendem Henna, noch frisch und anziehend. Einzig das Gesicht zeigte schon den Beginn der Maskierung. Irgendwann würde auch sie hinter Puderschichten zwischen den Zeiten versteinern oder aber rasch und unbarmherzig verfallen. “Das ist der Drogenstrich hier!” hauchtest du in mein Gesicht. “Ja, ich sehe es. Das ist der Drogenstrich.” Bevor die junge Frau immer dem Einbahnverkehr entgegen um die nächste Heckenecke aus unserem Blick gelaufen war, trat ein Fussgänger auf sie zu. Ein Gespräch entspann sich und der allgemeine Bürger verriet sich als Freier. “Was tut der da?” fragtest du. “Der macht den Preis.” “Dabei sieht das so friedlich aus. Als reden sie über ihre Hunde oder das tolle Wetter. Die Welt geht wohl ständig unter, ohne das wir es ahnen, weil sie dabei so freundlich aussieht.” murmeltest du an meine Schulter. Das Paar war handelseinig und ging langsam vom Parkweg über die Strasse. Ohne nachzudenken, ohne Wort folgten wir einem gemeinsamen Impuls und Ihnen. Zehn Meter vor uns liefen sie durch die Strassen des Kleinbasel. Immer wieder wandte sich der ältere Herr zu der jungen Frau, die aber einsilbig blieb. Gesagt war wohl schon alles. Vor einem der alten Häuser blieben die Beiden stehen, die Frau wies nach oben, und die Handelspartner verschwanden hinter der schweren Holztüre. Kurz darauf zogen im ersten Stock dünne Arme leise krachend Fensterläden zu, dann wurde Geld verdient.
Gegenüber befand sich ein kleiner Park, in dem wir uns eine Bank suchten, das Haus im Blick. “Was die wohl da oben tun?” fragtest du vor dich hin. “Wie sie es wohl da oben tun?” antwortete ich ins selbe Nichts. “Obwohl die Frage ist genauso dumm wie deine. Es ist doch so egal, was sie da tun. Sie tun, was man eben tut, für ein oder zweihundert Franken.” Seitlich sahst du mich vom Vulkanboden an. Bandest meine Lässigkeit mit einem Blick aus schwarz glänzendem Samt. “Macht das Männern Spass, so für ein- zweihundert Franken?” “Was weiss denn ich? Ich bin im besten Falle einer und nicht Männer. Und ich musste noch nie dafür bezahlen.“ Ungewollt begann ich breit zu grinsen, während meine Hand gewollt deine Oberschenkel hinauf strich. Von den sehnigen Kanten des Knie, folgend der Bronze in dunklere Gegenden. „Vielleicht spüren Männer so mal wieder die Macht die im Sex, im Eindringen und Raum nehmen liegt. Sie können sich das Recht, in einem Körper zu weilen, zuweilen kaufen. Das ist ihre Macht und vielleicht ihr Spass. Aber eher doch ihre Not. Ich weiss es nicht. Hoffentlich hat sie zumindest ein wenig Freude daran, für eine Lüge Geld zu nehmen” Deine Lippen öffneten sich und ein winziger Laut entwich ihrem kleinen Spalt, als ich die kurzen, dicken Wülste erreichte, über denen der Slip spannte. Dein Aal von einer Hand griff mir in den Schritt. Streichelnd was da wuchs, fragtest du weiter. “Würdest du für mich bezahlen?” Ein langer Kuss gab mir Zeit zu überlegen. „Für deinen Körper schon, doch das würde mir nichts nützen. Denn ich will dich ganz ficken, auch deinen Kopf, dein Herz, deine Seele. Alles will ich reiten, nicht nur deinen geilen Körper. Und das kann ich nicht kaufen. Drum schenk ich mich dir. Und ich will, dass mehr als nur dein Fleisch nach mir verlangt. Auch wenn uns Instinkte treiben, geht es um mehr als Lust. Wenn mein Saft die Welt rettet, dann doch nur in Dir.“ „Ja rette erst mich.“ atmetest du mir in den Nacken. Gekonnt an der Grenze zum Schmerz arbeitete deine Hand an meiner Hose. Säfte weckend, die ich für alle Frauen der Welt in dich geben wollte. „Du hast Macht über mich und weißt es.“ sagtest du, den Reissverschluss öffnend. „Es ist keine Macht über dich, mehr über uns. Unsere Macht über uns.” Die Hose wurde mir eng, endlich führtest du ins Freie was da raus wollte. “Wir haben die Macht uns zu entzünden, einer raubt dem Anderen den Verstand.” Dein Mund kam meinem Ohr gefährlich nah, bei spitzen Worten berührte er die Muschel kurz. Kleine, matte Monde gingen mir auf; deine Macht. “Wir haben also Macht übereinander?” Ich gab dir mein Ohr ganz. Und formte aus dem schwereren Atem: “In den Worten und wenn sie nicht mehr reichen, wenn wir andere Sprachen brauchen, um uns die Gier nacheinander zu zeigen, da haben wir Macht über uns. Und nur da!” “Und wieweit führt das?” “Fragen stellst du! Überall hin! Überall hin führt das!” Ich gab dir den Nacken. Du lecktest Nacht in mich. “Reicht diese Macht für hier und jetzt?” Die Sonne Verstand ging mir noch einmal kurz auf. “Hier und jetzt? Das wird doch nichts! Wir sind in einem Park, überall wuseln Kinder, die Mütter an der Ferse. Für so was bin ich dann doch zu alt. Wie soll man sich denn konzentrieren?” Deine spitze Brust rieb mir an den Schultern, während du dich umsahst. “Du sollst dich nicht konzentrieren, ich bin kein Schachbrett! Du sollst dich hingeben, meiner Macht hingeben.” Das sie längst wirkte, war jetzt am rosa Kopf meines Schwanzes zu sehen, der aus der Hose stach und den du sacht befeuchtetest. Ehe die Bilder, über das Knäuel, das dein Rock gleich bilden würde, in mir aufgestellt waren, sasst du auf mir. Mein sacht pulsendes Sensorium spürte die warme Nässe deines rosa Schmetterlings, strich über seine Flügel, die sich füllend auseinander wichen. Es fand was sich finden soll. Verhalten stöhnend quittierten wir uns das Eindringen. Mit sachtem Wippen schobst du mich tiefer in dich, am Sonntagnachmittag im Park. Die Bewegungen deines Beckens, das feine Schieben des kleinen Po, gaben uns einen Rhythmus, der nicht zu sehen aber extrem zu spüren war, am Sonntagnachmittag im Park. Langsam erhöhtest du das Tempo. Warm von Dir umschlossen, stand ich halb liegend in dir. Je weniger du tatest, umso starrer kam ich an eine Grenze, hinter der ich platzen würde. Ganz leise verfielst du in dein helles Glucksen. In dir zuckte es schon autonom mit und du folgtest diesem Fluss. Heftig plötzlich deine Stösse, als suchten sie den Punkt. Ganz ohne Dich schwammst du mit wenigen kräftigen Bewegungen auf meinem Schwanz in deinen Wassern zu dir. Weil ich wusste, wie viel du für Momente an der Oberfläche liesst, um gleich darauf umso mehr auf deinem Grund zu finden, liebte ich dich. In diesen Momenten sah ich deine Fülle. Wir keuchten uns in die Kragen, den Monden elliptisch näher kommend. Kontrollverlust. Kurz kralltest du an mir, mit dem Biss in meine Schulter entlud sich alles was ich dir zu geben hatte. Dein kurzer Veitstanz auf mir läutete im Höhepunkt das Ende ein, lang und langsam deine abklingenden Bewegungen. Du glittst auf mir aus. Ungläubig sahen wir uns in die Augen. Mitten unter all den Sonntagsmenschen hatten sich unsere Wesen berührt.
Zur ersten Ausschau in die andere Welt, nach Polizisten und besorgten Eltern, sah ich die schwere Holztür aufgehen. “Du, der geht schon wieder. Das ging aber fix. Mehr als fünfzig Franken kriegt der an seiner Alten nicht vorbei.” Mich verliess dein Blick, der noch der der Lust war. Der schmerzvoll, überraschte, den ich so liebe. “Hoffentlich sagst du nie „Alte“ zu mir. Wo der wohl hingeht?” “Na zu seiner Frau. Vielleicht wird er vom Elend auf der Strasse erzählen, dass sich nicht mal mehr sonntags versteckt.” Du stiegst von mir ab und kniffst die Augen. “Bist du sicher? Würde mich brennend interessieren, was der jetzt macht.” Die Hose ordnend sagte ich: “Dann gehen wir ihm nach! Es gibt noch Fragen! Geht der schnurstracks aufs Tram? Oder trinkt er noch einen Kaffee, bevor ihm seine Frau im Vorgarten zeigt, wo er hingehört, für den weit grösseren Teil seines Lebens? Vielleicht trifft er sich zum Boccia? Wem berichtet er sein kleines Abenteuer? Ihm nach!” Der sauber Gekleidete, wechselte die Strassenseite und zog nicht sehr eilig, die Strasse fixierend, von dannen. Wir wollten ihm nach, da öffnete die Tür zum zweiten Mal. Die junge Frau verliess das Haus eilig. Sie versuchte sich eine Zigarette anzuzünden, das Feuerzeug fiel ihr aufs Trottoir. “Gottverdammi!!!” sie bückte sich und eilte weiter, ohne zu rauchen. “Und wo geht sie jetzt hin?” fragtest du. “Das interessiert mich eigentlich noch viel mehr.” Ich hatte einen simplen Einfall, der mir, wie jeder an deiner Seite, die Qualitäten eines Geistesblitz zu haben schien: “Wir trennen uns jetzt! Ich gehe ihm nach und du bleibst bei ihr.“ ”Ja ich bleibe bei ihr. Los beeile dich, der ist gleich weg. Wir treffen uns auf meinem Balkon!” Ich hastete dem Mann hinterher, du liefst langsam der Hure nach. Gemächlich strich der alte Herr durchs Kleinbasel, bis er in einem Schulhaus verschwand.
Eine Zeit später, eines der energischen Gewitter dieses Sommers tröstete uns, sassen wir rauchend, Schulter an Schulter auf deinem Balkon. “Völlig klar wo sie hinging, zwei Strassen weiter stand der Dealer. Sie verdrückte sich kurz in einer Auffahrt und kam nach zehn Minuten, fast unverändert wieder heraus.” “Ging sie wieder zur Claramatte?” “Nein, sie telefonierte und traf zwei Strassen weiter eine Freundin. Mit der betrat sie eine der Kneipen, die schon bei Tag Nachtleben haben. Und bei dir? Wo ging er denn hin, der saubere Freier?” “Er ging in ein Schulhaus.” “In ein Schulhaus? Am Sonntag? Was will er da?” “Abstimmen! Heute ist Abstimmungssonntag! Und weißt du worüber abgestimmt wird?“ “Nein” “Unter anderem über Droleg! Die Initiative zur Legalisierung und Entkriminalisierung des Drogenkonsums.” “Was wird er wohl gestimmt haben?” fragtest du, mir deinen Rauch ins Gesicht blasend. “Er ist ein freier Bürger.” “Ja, er ist ein freier Bürger.“ Die Strassen aus Regen, die Stadt aus dampfenden Stein, die Welt aus Sonntag, verschwand wieder hinter den Lamellen und ein wenig unglücklich, wankten wir dorthin zurück, von wo wir gekommen waren. Und als uns all deine Lippen wieder fesselten, schufen wir eine neue Welt aus unserem Licht. Die musste eine gerade untergegangene ersetzen.
© götz schwirtz

Weit offen weist das Tor des städtischen Friedhofes den Weg zur Trauerhalle hin. Kein weiter Weg. Kerstin folgt der zweiwagenbreiten Spur gelben Kies , die sich vor einem jungen Ahorn teilt und benutzt die linksseitige Passage des Trauerdömchens. Trauerdömchen war ihr während einer der letzten Trauerfeiern eingefallen. Fast alle historischen Gebäude ihrer Mutterstadt, machten einen nachempfundenen Eindruck. Wie manche Leben hier, denkt Kerstin. Alles dem Wirklichen nachempfunden. Eine der Stadt für Wichtelmänner und Gartenzwerge. Eine Kindheitsstadt eben. Kerstin glaubt, den Blick der Fremden zu haben.
Am Fusse der Treppe, die zur noch geschlossenen Doppeltür der Halle führt, wackelt eine Art Notenständer mit dem Wind. Hier würde man nachher die Kondolenzliste auflegen, die Anwesenheitskontrolle für Witwen und Witwer. Immer wieder hatte ihre Mutter nach der letzten Beerdigung, der Kerstins Vater, in den losen Seiten geblättert und die Altherrenschriften zu entziffern versucht.
Kerstin passiert das Gebäude und betrachtet mit alter Neugier die grossen runden Kellerfenster im Sockel der Kapelle. Seit ihr der Vater mit Zehn erklärt hatte, hier würden die Leichen in den Särgen auf ihre Feier warten, wollte sie hinter diese Bullaugen schauen. In den siebziger Jahren hatte man sie von innen vermauert, wahrscheinlich war der Stadt das Milchglas, zum ewigen Erneuern, knapp geworden. Gleichwohl war der Friedhof immer wieder Zielort ihrer Entdeckungsreisen. Und endlich, hatte sie einmal gesehen, wie die Leichenwagenchauffeure bei Feiertagsanlieferungen ein Schlüsselversteck benutzten. Getarnt hinter der schwarzen Backsteinmauer des Krematoriums, hatte sie das Verladen des Neuankömmlings beobacht. Sie erzählte ihrem damaligen Abenteuerfreund Thomas vom Versteck und schon am Abend des nächsten Tages standen sie in dem kühlen Raum.
In dem es nichts zu sehen gab als Särge auf Stahlrohrwagen und Särge am Boden. Natürlich hatte Thomas an den Deckeln gefummelt, die sich nicht öffnen liessen. Kerstin interessierte mehr die Ausstattung des Raumes. Aus der sie zu lesen versuchte, was hier geschah, wenn kein Feiertag war. Ein grosses Emaillespülbecken, auf dem Halter ein frisches Stück Seife, daneben ein dunkles Handtuch am Haken. Ein Briefkasten, Kisten mit Holzwolle, Kisten mit Zellstofflagen gefüllt und das noch nie Gerochene, liessen Kerstin langsam erstarren. Ob das die Heimbürgen brauchten? Heimbürgen, das Wort hatte sie von ihrer Mutter gelernt. Es musste mit den Menschen aus den Thüringer Wäldern und sächsischen Ebenen in die Textilstadt gekommen sein. Doch als diese Halle, und die Schornsteine hinter ihr, nötig wurden, als all die Zugewanderten zu sterben ansetzten, war der wohlige Klang dieser Berufbezeichnung gewichen und auch für Kerstin ein Angstwort entstanden. Jeder krummbuckligen Hexe der Stadt hatte sie heimlich diesen Beruf untergeschoben.
Weit offen steht plötzlich eine Tür vor der sie gerade noch stoppen kann. Nach dem das lummelige Aluminiumteil zurück ins Schloss gescheppert ist, hindern sie Augen am weitergehen. Eichensargfarben. Aus einer schon immer äusserst geheimnisvollen Seitentüre, die, Kerstin hatte sie schon oft offen gesehen, ins angeblich weitverzweigte unterirdische Friedhofsystem führte, auf jeden Fall aber zum Gang zwischen Trauerhalle und Krematorium, war ein hagerer Klarblick getreten. Der eindeutig aus der DDR stammende schwarze Polyamidanzug, war abgerieben und natürlich zu klein. Tschuldigung murmelnd macht er den Weg frei, die Kondolenzlisten und einen grossen vollbehangenen Schlüsselring in der Hand. Typen gibt’s! Ob der nachher die Urne tragen würde? War es überhaupt eine Urnenfeier? Kerstins Mutter hatte sie vor vier Tagen informiert, das ihr erster Freund Ingo gestorben sei und heute beerdigt würde. Und war programmgemäss beleidigt, als Kerstin, die seit Jahren kein Wort mehr über Ingo verlor, sofort ihr Kommen angekündigt hatte. Ohne das sonst übliche „ich kann hier nicht weg“ Brimborium. Dann hatte die Mutter noch gefragt: Interessiert dich gar nicht, woran er gestorben ist? Sicher an seiner Feigheit hatte Kerstin geantwortet und die lange ausschweifende und ausgeschmückte Krankengeschichte eines Massivsäufers überhört. Ihr war es egal. Ingo hatte schon aus Anlass ihrer Trennung vor fünfzehn Jahren mit seinem Selbstmord gedroht und Kerstin hatte ihn schon damals nur ausgelacht. Nun hatte er den feigen Selbstmord gewählt, den Suff. Beachtlich, mit fünfunddreissig, dachte Kerstin.
Weit offen lädt der Himmel sie zum Weiterwandeln ein. Der Friedhof liegt auf einem Berg und der Morgen streicht frisch durch die Birken. Unter denen Kerstin, an sehr ähnlichen Gräbern aus dreissig Jahren vorbei, zur löcherigen Umzäunung, einem Aussichtspunkt über Felder entgegen, läuft. Sie war eine Stunde vor der ersten Trauerfeier des Tages da. Zum Einklingen auf das, was dann kommen würde.
Und weit liegen die Felder, die ihr Blick offen streift, als sie sich auf der Bank mit dem Rücken zu den Birkengräbern, eine Zigarette anzündet. Entgegen der guten Gewohnheit. Und ihre Gefässe verschliessen sich und ihr wird kalt und weit offen ihr Sinn beim Blick über Felder. Sie beginnt sich, Rauch in den kalten Morgen stossend, zu formulieren und weiss, sie wird die fahlen Stunden nach Ingos Grablegung nutzen, um die gesprochenen Worte aufzusetzen. Ingo. Jetzt bist du tot. Du Arsch! Du könntest jetzt mit mir hier in den Morgen gucken. Du Schwamm! Ja, wir würden das nicht wollen, gut dann sitz halt allein hier und guck in den Morgen. Darum leben wir doch. Na du nun nicht mehr! Davongesoffen! Mein erster Ficker tot! Prima. Geht ja früh los. Du weißt: du warst der Erste, du weisst nicht: du warst der Beste. Das such ich seitdem, deine bösen Ficks. Je weniger wir redeten, je heisser waren diese kalten Nummern. Meine Möse hast du geliebt, nicht mich. Aber die hast du geliebt. Und ich sie seitdem auch. Was? Ich hätte ja auch immer nur schweigend rumgestanden? Na sei froh! Du Verblichener, du! Stell dir vor, ich hätte was gesagt, zu all dem Schrott, den du Frontmann von dir gabst. Am Abend bevor du mich das erste Mal in deine Matratze nageltest, übersetztest du Doorstexte, gerade hattest du sie gesungen, derart falsch, das ich um dich wusste. Und trotzdem begann ich die Eltern anzulügen, nur um mich immer wieder auf deiner Matratze zu spreizen. Und dann du, der grosse Undergroundstar. Eigene Texte in Kirchen gesungen. Ja, dein Mut hat mir gefallen. Entsetzt hat mich, das du dich als Künstler verstandest. Wahrscheinlich weißt du bis jetzt nicht, das du als Ganzes ein Plagiat warst. Friede deiner Asche. Unwissender! Wie gebannt hast du auf alles gelauscht, was in der Szenehierarchie anerkannt war und plappertest es nach. Laut und falsch. Und auch noch gesungen. Du Dummkopf! Und nicht mal Mut, du Schwein! Du Spitzel! Nein, deinen Tod hat keiner gewünscht, von denen, die du verraten hast, du solltest leben und dir immer mal: Du Spitzel! Du Schwein! anhören müssen. Und morgens wenn ich noch gemartert von deinem Schwanz in den Kissen suhlte, da schriebst du. Ja dein grosses Werk, „Heiner Müller ertränkt sich in einem Zuber Whisky wenn er das Werk des Provinzbarden liest.“ posauntest du. Dabei schriebst du Berichte über die Saufrunden nach den Konzerten. Du Grützbeutel! Du Schleimfleck! Wegen dir haben Leute da eingesessen, wo die Fotos für das Häftlingsalbum mit Röntgenapparaten ohne Film gemacht wurden. Du Schwein! Und kein Wort, bis es rauskam. Still vor dich hingesoffen, mit dieser tristen Frau. Zwei Kinder und ein Wohnmobil, hätte ich dir gewünscht, mit der! Das hättest du doch noch geschafft. In der Agentur von deinem Führungsoffizier. Säuft der sich einfach tot. Übrigens war es Rainer, der mir schon früh vom Verdacht berichtete. Rainer hat mich oft gewärmt, wenn ich mich zitternd aus deinem Orbit flüchtete. Aber er hat nicht kalt genug gefickt. Spätere auch nicht. Ich bin verdorben durch tausend Nächte unter dir. Aber es kommt noch einer, der mir dich aus dem Leibe treibt. Du Leiche!
Schon von fern ist die dunkle Menge Trauernder, zwischen den frischen Birkenblättern zu ahnen. Kerstin geht langsam. Sie möchte weder die trauerstarre Witwe, noch Ingos Eltern sehen müssen. Schwieriger wird es, sich vor den alten Freunden zu verbergen. Erstmals wird das Schweigen fassbar sein, das seit Jahren zwischen ihnen liegt. Das ist auch deine Schuld, Ingo! Dieses Schweigen. das ist dein Schweigen. Das ist das schlimmste, wenn sie schon zu Lebzeiten vor einem schweigen. Und es war ihr peinlich, die alten Freunde zu sehen. Auch an ihr hing der Verdacht. Ausserdem hatte sich ein paar Jahre lang Kertin genannt. Der eindeutige DDR Name war ihr in Köln anfangs unangenehm und eine Freundin aus dem Osten, die sie WEIT OFFEN empfangen hatte, riet ihr zu einem maskulinen Nick. Die Freundin wollte die Anfangseinsamkeit und den Kaltfickschaden, wie es Kerstin selbst noch nannte, mit einer grundsätzlichen geschlechtlichen Neuorientierung Kerstins lindern helfen. Was gelang, bis Kerstin heimisch war .
Weit offen stehen nun die Flügel der Tür zur Halle. Langsam steigen die ersten Trauernden und Trauergäste die Stufen hinan. Der Hagere mit dem eichensargfarbenen Blick macht den Türsteher. Das gemässigte Drängen an der Treppe lässt Kerstin kurz hoffen, keinen Platz zu finden. Ärgerlich über den Anflug Feigheit nähert sie sich dem Trauerpulk. Immer wieder sieht sie jetzt in ein vertrautes Gesicht. Mit einem Blick der immer am Boden endet, erwidert sie die Begrüssungen. Sie will die nächste Stunde für sich haben, und nicht teilen mit Denen, mit denen sie auch sonst nichts mehr teilte. Ausser eine Vergangenheit. Die Plätze reichen aus und Kerstin kommt weit hinten in Türnähe zu sitzen. Der mit dem Blick in eichensargfarben steht jetzt hinter Ingos knallroter Urne. Sein Gegenüber schliesst die Doppeltüre und nickt zu Eichensargfarbenauge. Der nickt mit dem Eichensargblick zurück, setzt einen Schritt nach hinten, verbeugt sich vor Ingos alberner Urne und tritt zur Seite. Das Städtische Bestattungsamt überlässt uns Ingo ein letztes Mal. Trotz des anziehenden Verhärten in Kerstin, dem sich innen auflegenden Panzer, der in seiner glatten Kälte ertragen werden will, hat sie neugierige Musse, das Augenritual der Friedhofsangestellten zu verfolgen. Ihr Blick trifft den Eichensargfarbenen und verweilt einen Moment in ihm. Musik setzt ein. Natürlich hatte der versoffene Verblichene das vorher bestimmt. Zuerst Doors, was sonst, dann wahrscheinlich Biermann und dann der Meister aus der roten Urne persönlich, aus der Zeit als er nur Asche verbreitete und noch keine war.
„Break on Trough“ verklingt. Jonas erhebt sich, läuft vor die Urne, verbeugt sich, geht zu Ingos Mutter, verbeugt sich, und tritt ans eichene Stehpult. Kerstin traut ihren Augen und Ohren nicht, Jonas hält die Trauerrede, der wilde Gitarrero, der des Pseudopoeten grösster Lauschangriff war. Er übersetzt die ersten Zeilen des Liedes, im Gegensatz zum Verblichenen, richtig, und wendet sich dann mit salbungsvollen, sehr warmen Worten, warm wie es nur Zyniker können, an Ingos Mutter. Kerstin versucht nicht zu hören und erkennt das Muster des DDR-Linoleums als das aus der Küche ihrer Eltern. Die schwere Kälte hat in ihr Raum genommen, Kerstin konzentriert sich aufs Atmen und hört Jonas vom Anfang reden, von der Schülerband aus dem Neubaugebiet die Doors gespielt hat, wie die Doors nicht mal selber. Schön schmückt er Ingos frühe messianische Wirkung aus. Das Wort Frontmann fällt. Jonas erwähnt Kerstin nicht, was ihr nur recht ist, sie kann die Kälte kaum noch halten. Und sucht den eichensargbraunen Blick und findet ihn, für lange. Und während sie in diesen Augen weilt, die ihr mühelos standhalten, redet Jonas weiter. Von Seilschaft, Verstrickung, Verblendung und meint doch einfach Schuld und Verrat. Verblendung! Und das aus Jonas Mund! Ingo war von sich selbst geblendet und damit ein gefundenes Fressen für die Anwerber. Sie hatten ihn an seiner empfindlichsten Stelle gepackt, der Eigenliebe. So drückt sich jetzt auch Jonas aus. Kerstin klingt das zu passiv. Ingo war kaum achtzehn, als man ihn anwarb. Aber gerissen genug, die Vorteile einer engen Zusammenarbeit mit den Schnüfflern, zu sehen. Und für sich hatten ihm die Berufslauscher die schöne „das System von Innen revolutionieren“ Selbsterleichterung geliefert. Wahrscheinlich hatte er das auch gemeint, wenn er ihr nach den kräftigen Ficks von der für sie nicht zu ahnenden Grösse der Aufgabe laberte, wobei er sicher meinte, die DDR via Stasi von Innen zu reformieren. Diesen Quatsch hatten sie zum Schluss vielen weisgemacht. Wobei er wohl zu klug war, das glauben zu können. Und das war Kerstins grosse Genugtuung. Wie kaum jemand anderes, wusste sie um die Zerrissenheit Ingos in diesen Jahren. Als siebenundneunzig alles aufs Peinlichste herausgekommen war, und das grosse Geschelte der alten Freude anhob, da war sie, was ihr noch heute, noch hier auf dieser traurigen Feier, zur nicht unerwünschten Isolation verhalf, still geblieben und hatte sich lange versucht zu erinnern. Aus einem Vorahnen, das diese frühe und kaputte Liebe, sie ein Leben lang begleiten würde, hatte sie damals ein unregelmässige Tagebuch geführt, mehr ein Nächtebuch, denn es beschrieb nur ihn und seine verheerende Wirkung auf sie. Stundenlang hatte sie die alten Seiten gelesen, nachdem bewiesen war, das Ingo der Verräter war.
Manchmal trank er schon am Morgen. Rohe Eier in Wodka. Sie fand das nicht so schlimm, denn an diese Tagen griff er immer wieder nach ihr. Am schlimmsten war es nach einer Konzertnacht. Manches mal sassen sie bis zum Morgengrauen in fremden Gemeinderäumen, alten Mühlen oder kahlen Neubauwohnungen. Da war Ingo gefragt und gab den Revolutionär. Rief auf, spornte an, machte Mut und liess sich bewundern. Auf diese Art hatte er etliche versprengte Oppositionelle verbunden und zu seinen Informanten gemacht. Nur Kerstin wusste heute, dass er sich die Nächte nicht der Informationen wegen um die Ohren schlug. Es war seine Rolle und er spielte bis zum Morgengrauen den verwegenen Revolutionär und träumte wohl davon, ein Anführer zu werden. Erst daheim am nächsten Mittag, nicht ohne das er ein, zwei Stunden geschrieben hatte, oder gleich aus dem Hause ging, brach er in aller Regel zusammen. Für diese Fälle war immer Wodka kalt gestellt, von dem er dann in grossen Zügen nahm, bevor er sich ein erstes Mal über sie hermachte. Ungefragt und ohne Zucken ertrug sie seine Launen. Ausserdem redete er ja viel zwischen Teppich und Bett. Sie war seine Vertraute. Denn sie wusste schon damals, das zumindest Letzteres nicht stimmte. Sie wusste, das sie nicht alles wusste.
Der eichensargbraune Blick wendet sich zum Kollegen auf der Empore. Jonas kommt zur Zeit der Offenbarung, als Gewissheit war, was viele ahnten. Er spricht von Isolation, nicht davon, dass die schon früher einsetzte. Und er erwähnt die Freunde, die auf Ingos Entschuldigungsbriefe geantwortet hatten. Kerstin hatte keinen erhalten. Wozu auch? Mich hat er nicht verraten, ich war mit dabei. In seinen ersten fünf Jahren.
Nur einer hatte immer Kontakt zu ihm, du Jonas. Du, als der am grässlichsten Verratene, du Jonas hast Ingo der härtesten Strafe ausgesetzt: deiner weiteren Anwesenheit in seinem Leben. Dein Grossmut hat ihn so klein gemacht, das er jetzt in diese bunte Urne passt. Und ich weiss nicht ob ich dir danken soll. Jonas ist fertig, er verbeugt sich vor der Urne, vor der Mutter und gibt Ingos Witwe die Hand. Dann sieht er zur Empore, der Eichensargfarbene Blick nickt zur Empore, die Empore nickt zurück und selben Augenblickes ertönt Ernst Busch Stimme: „Vorwärts und nicht Vergessen“. Ein kleines Zucken durchfährt die krampfesstarre Versammlung. Erst irritiert suchende Blicke finden sich in der Musik und kreuzen im Kuppelraum und um die Urne herum. Danke Jonas, das war deine Idee. Denkt Kerstin und beobachtet Jonas Blick der zum Eichensargfarbenen wandert, der grinst und zu Kerstin findet. Während des Liedes verharrt sie wieder dort, in diesem Blick voll warmer Klarheit. Dem würde sie gern erzählen, das Ingos Band, mit der er anfangs noch auftrat, für eine Punkversion des Kunstkampfliedes berühmt war. Diese kleine Verwechslung ging auf Jonas Kappe. Sein letzter Streich an Ingo. Ihr wird leichter. Jetzt tritt Eichensargbraunauge nach vorn, und verneigt sich wieder vor der roten Urne. Dann sagt er: Ich bitte sie sich zu erheben und des Toten zu gedenken. Ein einzelnes Schluchzen zieht laut durch die Halle. Dann hört man sehr leises Weinen. Mehrstimmig. Kerstin stimmt ein. Flach drück ihr der starre Schmerz die Tränen aus den Augen. Woran denken die Menschen in Trauerminuten, an den Verstorbenen oder an sich? An Gott denkt Kerstin nicht. Sie denkt an Ingo wie er jetzt war, nicht mehr. Und der Eispanzer in sich, lässt sie nach unten starren. Keine Hilfe durch den Eichensargfarbenblick mehr möglich. Das Küchenmuster ihrer Kindheit verschwimmt hinter einem schweren Tränenvorhang. Sie ist angenehm bei sich, im inneren Frost, und wünscht Ingo Ruhe, wo immer er auch sein mag. Und denkt: Man muss was machen. Ingo ist tot. Er hatte zu wenig Kraft, mit den Umständen der Zeit zu recht zu kommen. Daher rührt wohl auch ihre entgleisende Wut auf den Inhalt der Urne. Ingo ist tot, und keiner hier trägt Schuld. Doch sein Lügenwerk wird das Leben vieler Menschen, bis an ihr Ende begleiten oder verfolgen. Doch warum muss ein Mensch so an sich vorbei leben? Warum ist einer nicht in der Lage, dem die Natur das Nötige mitgegeben hat, sein Ziel in sich zu finden? Ingo glaubte bis zum Schluss einer Idee verpflichtet zu sein. Und Glauben ist die halbe Lüge. Sein Geltungsdrang sorgte für den Rest. Zu schwach zu sein, inmitten dieser grossen Lüge zu leben, leergefressen von deren tausend ungewollten Kindern, ehrt Ingo. So mancher hier in der Trauerhalle ertrug dasselbe Menetekel tapferer. Ertrug zäh, wie die Lügen sein Leben ruinierten. Zäh wie es jeder Glaube und jede Idee fordert. Der schwere Tränenvorhang fällt endlich. Weitere folgen. Kerstin denkt an die junge Witwe und an ihre eigene Mutter, die vor anderthalb Jahren, hier bei dieser Gelegenheit, in eine Fassungslosigkeit über die Realität des zukünftigen Alleinseins gefallen war, die noch anhielt. Kerstin hatte noch nie Not, ernsthaft darüber nachzudenken, was geschähe, wenn der Tod einen für immer gedachten Lebenspartner raubte. Sie fand es würde Zeit darüber nachzudenken.
Wieder setzt Musik ein. Alles setzt sich und schnäuzt laut in die klirrenden Riffs der Punkversion von „Vorwärts und nicht vergessen!“ Man hört Jonas und Rainer die Gitarren martern, das Schlagzeug drischt und irgendwo hinten plärrt Ingo. Er trank am Tag vor den Konzerten immer geheimnisvolle Stimmtees der Oma, mit Rum getount, versteht sich. Damit lenkt Jonas ein. Dieses Lied war Ingos Idee und ihr grösster Abräumer live. Die Garagenaufnahme ein Gitarristenjoke. Historisch gesehen ein schwerer Fehler. Gegen eine Zweitaufnahme die Ingo mit anderer Band für eine Ostalgiehitparade plante, war Jonas heftigst und erfolgreich eingeschritten. Leider hast du mich nie ernst genommen, leider Jonas, leider. Du hast nie verstanden, was mich bei diesem Frontmann hielt. Ich habe es auch nie verstanden Jonas. Es ist zu einfach. Ich habe dich oft beobachtet. Du lügst immer nur als zweiter, das ist der Spass deines Lebens. Leider konnte ich den nie mit dir teilen. Der Drive des Punk ergreift die Trauergemeinschaft. Ein Zucken und Rucken geht durch die Reihen. Taschentücher und Halsbonbons werden gesucht. Brillen poliert, Scheitel nachgestrichen. Auch Kerstin wischt sich die letzte Träne in den Augenwinkel und verfolgt Eichensargfarbenblick, der seitlich hinter den Trauernden zur Doppeltüre geht. Die Marter hat bald Ende. Sehnsüchtig beobachtet Kerstin die dunkle Hand auf der Klinke.
Mit dem letzten Akkord steht die Tür weit offen und die spielerische Morgensonne im jungen Ahorn lockt Kerstin nach draussen. Doch sie muss warten. Ein Mann den Kerstin kennt, ohne zu wissen wer er ist, nimmt vorsichtig Ingos Urne. Jonas nähert sich Ingos Mutter, doch ein Verwandter ist schneller und führt sie am Arm aus der Halle. Hinterdrein läuft die junge Witwe. Die Familie schien mit dem Trauerredner nicht einverstanden zu sein. Langsam schiebt sich die Versammlung durch die Türe und formiert sich in der Fröhlichkeit des Junimorgens zum Trauerzug. Der verkleidet wirkende Mann eichensargfarbenen Blickes schliesst hinter Kerstin die Flügeltüre und fragt bevor er an die Spitze des Tross eilt: Geht’s? Kerstin nickt. Vorgegeben durch den Verwandten mit der Mutter ergeben sich Zweierreihen, die erst am Ende des Zuges etwas aufweichen. Eichensargblick führt den Tross. Er nickt dem die Mutter führenden Verwandten zu und beginnt langsam Ingos letzten Weg zu nehmen. Ehe der Schwanz des Zuges an dem sich Kerstin, Jonas und Rainer wiederfinden, in Bewegung gerät, ist die Spitze mit Ingos Urne längst vom Hauptweg abgebogen. Die drei schlendern mehr hinterher. Tief saugt Kerstin die ersten Schwaden sonnenwarmer Luft ein, den inneren Eispanzer ein wenig anzutauen. Verschwinden wird er so nicht, weiss Kerstin. Am liebsten würde sie jetzt schnell eine rauchen, aber das geht wohl nicht. Langsam schreitet sie zwischen den beiden Gitarristen her. Und wie immer ist es Jonas der sich traut. Er versteckt seine Karo wie ein Wachsoldat in der hohlen Hand. Und fängt sich einen missbilligenden Blick Rainers ein. Kerstin mag nun nicht mehr rauchen. Schöne Rede hast du ihm da gehalten. Sagt Kerstin zu ihm. Ohne Lächeln nickt Jonas. So ein Quatsch! Bellt Rainer. Was sollte denn das? Ingo ist tot! Musstest du ihm heute noch Eine reindrücken? Wen interessiert das denn, das er gespitzelt hat? Jetzt ist das doch egal. Vor dem Tod spielt das keine Rolle mehr. Ich fand den Busch unanständig, ich fand deine Rede unanständig, und das du jetzt hier rauchst, das ist der Gipfel deiner Arroganz. Jonas lässt die Zigarette vor seine Füsse fallen und ertritt sie. Unanständig findest du das? Bist du also auch schon so weit. Die kleinen irdischen Dinge interessieren nicht mehr beim Gang ins Loch. Seine Familie war derselben Meinung. Zum Glück stand ich als Redner im Testament. Diese kleinen irdischen Dinge haben Ingos Leber aufgefressen, bis ihm das Leben aus dem Maul davonlief. Und zur Feier dieses Anlass soll ich von Schicksal reden? Wenn wir aus Anstand, oder schierer Angst weiter schweigen, kommen wir nie aus dem Lügenloch, in dem uns der Arbeiter und Bauernstaat zurückgelassen hat. Rainer hasst ihn mit den Augen an: Oh ja, so kenne ich dich, ehrlich bis zur Unmenschlichkeit. Sagt es und stürmt drei Reihen im Zug nach vorn. Gleichzeitig läuft plötzlich eine Frau neben ihnen, die Jonas sein muss. Kerstin kennt sie nicht. Habt ihr wieder gestritten? fragt sie Jonas. Ja, wie immer, antwortet der grinsend. Den Rest des Gespräches vernimmt Kerstin nicht mehr. Das Paar kehrt zum Ausgang. Der Zug ist am Zielort, dem kleinen Erdloch, angekommen. Die Menge rückt zwischen fremden Gräbern zusammen, doch Kerstin steht zu weit weg um zu hören was der Fremde spricht, bevor er sich auf ein schwarzes Kissen kniet und die Urne Ingo langsam ins Loch lässt. Er erhebt sich, verbeugt sich wieder und reicht Ingos Witwe die kleine Schaufel. Die streut starr und wirft einen kleinen Brief ins Loch. Bei diesem Anblick füllen sich Kerstins Augen erneut. Mit einem Schmerzensschrei sinkt die Mutter aufs Samtkissen. Langsam lösen sich Kerstins Tränen, die bis sie selbst am Grab steht, einen kontinuierlichen Fluss bilden. Dann sieht sie selbst von oben auf den roten Deckel auf dem „Vergebt mir!“ steht. Du Arschloch! sagt Kerstin laut ins Loch und dann ist kein Halten mehr. Der sie auskleidende Panzer inneren Eises taut schlagartig und bahnt sich seinen Weg unter Krämpfen nach aussen. Kerstin findet sich ein paar Schritt weg unter einer Birke wieder und lässt das Elend fliessen. Unendlich lang strömt Ingo aus ihr heraus.
Komm! sagt der eichensargfarbene Blick und legt den Arm um ihre zuckenden Schultern. Komm, die Party ist vorbei. Tatsächlich sieht Kerstin die Witwe und die gestützt laufende Mutter als Letzte davongehen.
Wissend mit den Pantoffeln wippend, hört sich der Mann mit diesen schönen Augen am Abend Kerstins Geschichte an, bevor sie beide weit offen in ihre erste Nacht tauchen. Am nächsten Morgen weiss sie, das dieser Eichenholzmann den Kaltfickschaden beheben wird. Und beginnt zu planen. Denn ihr Leben wird sich ändern. Der schlecht bezahlte Friedhofsmann will nicht in den Westen und sagt: Nein, ich bleib hier, sonst hört das Lügen nie auf. Kerstin gibt ihm Recht.
ENDE

Das Paradies ist zwölf Kilometer lang. Mit diesem Versprechen drückt der deutsche Staat meinen Fuss gegen den Widerstand in Kopf und Gaspedal. Für solche Spurts kauft man die PS, ich schere aus und nehme mir die neue Spur. Die Xenonpunkte schneiden mir den Weg frei, kalt und trocken versurren sich die Winterpneu.
Der Horizont glüht im Rückspiegel. Einmal im Monat tut er das. Einmal im Monat reise ich in den Osten. Nach Hause sage ich schon lange nicht mehr. Das wird aus Freitagabenden, ich freue mich am Duft des hellen Leders, besonders, wo er sich am Lenkrad mit meinem Schweiss vermischt und fühle mich frei, nur weil ich die letzten tausend Kilometer der Woche für mich allein rolle. Sonst sind meine Fahrten einsingen. Einsingen auf den Kunden.
Drüben im Osten, den ich so nenne, seitdem ich nicht mehr zu Hause sage, glaube ich immer noch den Tonfall zu treffen, so aus dem Blut, den Tonfall in Gesprächen die ich führe, um mich zu vergewissern, dass ich wieder fahren werde. Am Sonntagabend, den Schmerz mit alten Platten zudröhnend, rasend, auf der Flucht in mein kaltes Bett.
Unter der Woche im Westen mache ich bei den Rücktouren Gesichtsgymnastik gegen die Sedimente der vielen Freundlichkeit.
Leasingwagen der Wahl, damit hatten sie mich. Ich fragte nicht mal meine Frau, überzeugt davon, nur ein Glückspilz könne neuzehnhundertneunzig das Problem Arbeit und Unterhalt für die Familie, sowie den Wunsch nach einem Auto, im Bündel lösen. Von da an lebte ich auf der Autobahn. Die kläglichen Jahre des Zusammenbruchs, die Illusionen die zerplatzen und die viel grösser und bunteren, die ihnen nachfolgen würden, ersparte ich mir und fuhr dem Neuen schon mal entgegen. Ich fahre immer noch. Es ist sehr gross das Neue, deshalb dachte ich, es sei weit weg. Man kann ihm nicht entgegen fahren. Es war schon immer da, riesengross vor der Tür, da hatten die Genossen recht und als ihre Bürger endlich durchgesetzt hatten, das endlich mal gelüftet wurde, in dem kleinen Land in dem es schon recht ranzig roch, war der riesige Fuss nicht mehr aus dem Türspalt zu bekommen, durch den er fortan Waren kickte. Totes, das den zunehmenden Leichengeruch der DDR überdecken sollte. Doch deren modriger Odem ging ganz mit dem Wind und seiner Schwester , der Zeit. Der Parfümgestank, der vor zehn Jahren dem Neuen vorausgeschwebt war, blieb.
Andere Reisende hatten mir gesagt, es entscheide sich in den ersten fünf Jahren, ob man von zu Hause weg bleibe. Genau in diesen Jahren, sah ich den Osten gar nicht, vor lauter Luftballons. Bunter, lauter, süsser, doch irgendwie gleich. Mir schien, als machten die Daheimgebliebenen unter den neuen Bedingungen einfach weiter. Was sollten sie auch anderes tun? Ich war schon aus ihrer Welt gefallen und hatte es noch nicht bemerkt. Gerade weil die Heimat fremd geworden war, liebte ich die Wochenenden. Der Westen hatte mich ökonomisch gemacht. Aktive Erholung ist die Beste, also tobten wir an den Wochenenden durch die vielen neuen Kinos und Spassbäder, die mir meine Tochter zeigte. Meine Frau nahm nicht teil. Nach zwei Jahren meiner Pendelei, sagte sie, sie sei kein Erlebnispark fürs Wochenende und Lust auf einen harten Penis habe sie auch ab und an mal werktags. Ab da fuhr sie nach Übergabe von Tochter und Haushalt sofort mit ihrem Auto nach Homburg in die Hauptwohnung ihres neuen Abteilungsleiters, der den Ossis zeigen sollte, wie man es richtig macht, bei dem meine Frau auch unter der Woche schon Nachhilfestunden nahm, wie meine Tochter berichtete, die Hubert gut leiden mochte. Nach der Scheidung zogen sie dann alle zusammen nach Homburg. Die zweite private Tour des Monats, führt mich zu meiner Tochter, doch das ist eine andere Geschichte.
Schlaflos strich ich durch den Bauch der Städte, auf die ich mich nicht freute, wenn ich von ausserhalb mein Bett in ihnen ansteuerte. Immer verstand es der Westen, mich auf Abstand zu halten, während ich durch seine Innerein streunte. Seine Dreckseiten präsentierte er so stolz, das ich staunte. Und ich staunte wie viele hier glauben, sie würden leben. Wer sich selbst verwirklichen will, kann das tun, muss sich nur stark genug und immer wieder durchsetzen. Schön ist, dass jeder andere das auch darf. Ein mächtiges Geruder derer , die tief verinnerlicht haben, nur einmal zu leben. Der Krieg der Glücklichen und Suchenden. Die Mutter aller Süchte, die Sucht nach sich selbst, ist hier die Generalin die dich jeden Morgen in die Schlacht schickt und dir nachts als Marketenderin die neuen Wunden heilig küsst. Menschen fand man im Gewirr mitunter. Doch hatte ich das Prinzip des Westens, Gäste ohne die leiseste Empfindung durch sich hindurchgehen zu lassen, schon angenommen. Ich machte auf und hätte alles offenbart was ich glaubte, man wolle es offenbart haben, doch ich kam selten zu Wort, wenn meine Freundinnen erst einmal angefangen hatten zu reden. Ihr unbedingter Wille zum Glück äusserte sich im Bett klarer als in ihren Selbstauskünften. Ich bekleckerte gross bedruckte Sofas in halb Europa, doch konnte mich auf keines setzen, wenn ich mal wo bleiben wollte. Ich wusste selbst nicht, wo ich bleiben wollte. Andere Reisende, die wie ich ihre Provisionen in Immobilien investiert hatten, an denen sie immer nur vorbei fuhren, empfahlen mir die Berge oder das Meer. Das wären ideale Orte um das Pendel einmal zur Ruhe kommen zu lassen. Meer oder Berge. Für beides liesse mir das Geschäft keine Zeit und mich entscheiden mochte ich auch nicht, es lähmte, wenn ich bemerkte, dass private Entscheidungen von meinem Gelderwerb diktiert wurden. So traf ich keine mehr. Arianna aus dem Internet hatte mir geschrieben, auf Sardinien könne ich beides haben. Sie würde oft der Sonne von halbem Berge beim Sinken zusehen und wenn sie beginnt in den Horizont zu tauchen mit ihr um die Wette den Berg hinan rennen.
Es gibt also Leute die rennen mit der Sonne um die Wette. Wenn ich nun, statt mir das Weiterleben meiner Mutter ein Wochenende lang anzuhören, hier kehre, um morgen früh die Fähre in Genua zu erreichen? Ich weiss schon lange, dass sie fährt. Ich könnte in Cagliari klingeln und hoffen, dass Arianna beim Alter genauso geschummelt hat wie ich.
Dort ist gerade eine Ausfahrt, das erste Mal drücke ich mich vor dem Osten und wende.
Komm Arianna zeig mir, wie die Sonne länger scheint! Hier lockt sie tief und blendet, so ist der Westen. Sonnenbrille! Als ich meinen Kopf wieder nach vorn wende, flutet mir die Welle roter Lichter entgegen. Jetzt in die Eisen! Auch dafür hab ich den Wagen. Die Bremsen rattern, doch hier scheint es glatt zu sein. Das wird eng. Neben mir kracht Blech, ich hab noch fünfzig Meter bei hundertsiebzig. Autos fliegen vor mir durch die Luft. Warum rase ich völlig entspannt in mein Ende? Weil ich doch ein Glückspilz bin und es sich zu Haus am schönsten stirbt?
Ein Bus steht quer, in den ich rase. Reisende sterben unterwegs.

Zustand und Alter des Vaters graduieren den Wunsch zum Befehl. Lautet der:
„Lege die sicher mitgebrachte Platte ein, das immer gleich abwechslungsreiche Mitbringsel, deine Brücke aus der Abwesenheit“ trollt sich der Sohn.
Kehrt er ans Pflegebett, das ihm unheimlich scheint, da es, obwohl mit Rädern versehen, niemals durch die Wohnzimmertür passen würde, zurück, legen sich die im Aquarium der Starbrille schwimmenden Augen auf ihn. „Was gibt es denn diesmal? Noch eine Schlusnus?“
„Nein Vater, es ist Tschaikowski.“ Der Sohn verschweigt, eine CD aus der eigenen Sammlung gerissen zu haben. Für den Händler war keine Zeit geblieben.
„Tschaikowski? Nun, es gibt schlimmeres. Was ist es denn? Die Revolutionsouvertüre?“
„Nein, Vater, ein Klavierkonzert.“ Des alten Mannes Blick entrinnt in die Bücherwand. „Aber nicht das Erste? Du warst wirklich schon besser! Aber bitte, immer der Mode nach: Komm lege es auf, ich werde dir auch in diesem mittlerweile verhurten Stück noch überraschende Stellen zeigen. Voran! Lege die Joghurtreklame ein!“ „Nein Vater, es ist nicht das Erste. Es ist das Zweite. G-Dur.“ Das war nicht für den Vater bestimmt, ein eiliger Fehlgriff, er würde eine neue CD besorgen müssen. Die sonst nur noch fallenden Züge des Vaters kommen in Bewegung. „Das Zweite, na du hast Humor! Sehr gute Wahl, aber eine Frechheit wenn es deine ist. Wir besassen die schon einmal, als LP, widerlich braune Hülle mit gelber Schrift. Die ist aber weg. Ganz plötzlich war die weg. Und nie wusstest du, wo sie sein könnte. Sicher hast du gedacht, mir wäre ihr Verschwinden gleich. Dabei habe ich die sehr oft gehört. Igor Shukow und das Grosse Rundfunk-Sinfonie-Orchester der UdSSR. Ein einmalige Aufnahme!
„Vater, ich wusste nicht... „
„Du hättest fragen können!!“
„Ich dachte es sei irgend so ein Geschenk, du hörtest doch niemals Klavierkonzerte.“ „Das schon!“
„Aber wie sollte ich das wissen?“
„Fragen! Wer spielt denn nun auf deiner da?“ Der Sohn muss nicht hinsehen. „Es ist dieselbe Vater!“ „Was? Späte Reue, oder warum bringst du mir die nach fast zwanzig Jahren wieder?“ Schulterzucken. Das dem Vater so viel daran liegt, irritiert den Sohn, auch er hat sich diese CD nicht zufällig gekauft.
„Der Arzt sagt ich soll viel trinken, also geh mal und hol bei der Mutter so ein Getränk, das mich neunzig werden lässt.“ Artig geht der Sohn nach nebenan in die Küche und mixt unter den Anweisungen seiner Mutter Mineralsprudel mit Diabetikersaft. Der angepeilte Geburtstag soll in zwei Wochen stattfinden. „Was macht ihr?“ fragt die Mutter.
„Musikstunde. Tschaikowski.“
„Oh schön, aber pass auf, das er im Eifer nicht wieder einpinkelt. Du wechselst die Sachen! Und schneid eine Kiwi rein! „Vitamine!!!“ predigt der Doktor .“ Das Haarei legt sich in die durch Millionen Messerstriche geschnittene Kuhle. Der Sohn hat sich ein ähnliches Schneidbrett zugelegt und wartet auf eine ähnliche Vertiefung. Noch war nichts zu sehen. Aber sie würde kommen. Die Kiwiwürfel gleiten ins Trinkgefäss. „In einer Stunde gibt es Essen. Seit ihr bis dahin fertig?“
„Denke schon.“ brummt der Sohn, geht ins Wohnzimmer und stellt die Schnabeltasse auf den Betttisch.
ALLEGRO BRILLANTE
„Vater, ich lege jetzt die Platte auf.“
„Ja tu das, mein Sohn und nimm die Fernbedienung.“
Die ersten Schwerakkorde ertönen. Der Vater summt das Blech und dirigiert den Rest. Auch nach dem Sohn greift die Musik. Die, die ihn, schon mit zwölf aus dem Konzertsaal heraus, in ihr Gebälk gesogen hatte. Dem freundlichen, sich zu einem veritablen Streit mausernden Ringen zwischen Soloinstrument und Orchester lauschend, bereitet er sich auf den Kumulationspunkt vor, an dem das Klavier, zur Krönung der brachialen Kadenz, die Gewalt der sich entgegensetzenden schweren Orchesterakkorde bricht und das Ganze mit einem nur einen Takt lang zu hörenden Triller auf dem Triller implodieren lässt. Der erste musikalische Orgasmus den er erlebte und das erste Musikstück, welches er im Duktus des Vaters beschreiben gelernt hatte. Seine Hände schlagen einen Takt in die Sofakissen. „Zu Früh! Zu früh!“ erweckt ihn der Vater. „Die Stelle auf die du wie wild hin trommelst, kommt später. Du müsstest doch die Aufnahme nach siebzehn Jahren kennen. Lange nicht gehört, was?“
„Ein paar Jahre Vater. Und so wie damals nie wieder.“ Natürlich hatte er sie immer wieder gehört, bevor er sie jeweils verschenkte. „Reingehört“ sagt man dazu, wie: „etwas durchsehen“. Beim „Reinhören“, meist als Grundierung der dem Koitus im fremden Haus vorangehenden Autofahrt oder eines Putztrips durch die Yuppieküche, so die Begegnung bei ihm stattfand, entfachte nichts , tobte kein Sturm.. Statt dessen wurde Erinnerung wachgerufen und später verschenkt. An Frauen. Frauen die es ihm Wert waren, von seinen alten Stürmen zu wissen.
„Halt mal hier an! Das hat dir mit fünfzehn gefallen?“ „Ja, Vater, ihr nahmt mich mit zwölf in ein Konzert mit und später fand ich dann die Platte in deiner Sammlung.“ „Ich dachte immer, Schuhmann und Brahms hätten deinen kurzen Sturm und Drang begleitet?“
„Später, Vater. Angefangen hat alles damit.“
„Verwunderlich.“ Ungelenk laviert der Greis ein riesiges Taschentuch unter der Tagesdecke hervor und versucht die Perle an der Nase zu fangen. Sein Sohn hilft. „Danke mein Sohn. Weißt du, die einzige Emotion die mir in diesem Satz zu liegen scheint, ist Wut. Höchstens. Höchstens, weil sie nicht gemeint ist. Die Flügelschläge gegen das Orchester, das seine hochgerüstete Schwerfälligkeit zelebriert, werden derart verbissen gesetzt, das ich nur Wut höre. Wut über einen Kampf den der gute Pjotr, des Sieges völlig sicher, des Kampfes willen führen muss. Auch die feinen Stellen scheinen mir nur Mittel zu sein, Mittel zur Zersetzung orchestralen Bombasts. Ein Lehrstück. Eine Parade der Möglichkeiten. Waffenschau. -Merkste? Ich kann noch!- Es handelt sich nicht um ein romantisches Musikstück, eher um die Vorführung eines solchen.“
„Vater können wir weiter hören? Sonst kommt uns Mutters Sauerbraten in die Quere!“
„ Ja, du hast recht mein Sohn, erst kommt das Fressen. Mach weiter!“ Das besprochene Furiosum scheint dem Sohn verloren und er drückt den langsamen Satz. Der Alte bekommt Farbe: „Mach da weiter, wo wir aufgehört haben! Ewiger Betrüger!“
Wieder hören sie das Solo. Der Sohn sieht auf das gegenüber liegende Dach, ein Blick der Kindheit. Auch jetzt liegt alter Schnee darauf. Wie damals, als er diese Platte in der Rekonvaleszenzphase einer Mittelohrentzündung ständig hörte. Wahrscheinlich war es gerade dieser wüste Satz, der ihm seinen ersten Liebesbrief eingegeben hatte. Ausser ekligen Schmerzen und dem Fieber hatte ihm die Krankheit seine erste grosse Verliebtheit beschert. Eine der Heftigen, eine die Illusion blieb. Der lange Fussmarsch zurück aus dem Kino vor das Haus einer Steffi aus der Parallelklasse und die Viertelstunde erbärmlichen Gestammels, hatten ihm wohl die auslösende Erkältung eingebrockt. In den Fieberträumen gedieh ein Sehnen, das er in der Musik wiederfand. Musste der Komponist nicht gleich ihm gelitten haben? Hörte er da nicht einen Schrei nach Liebe? Plötzlich ausgerüstet mit derartigen Vokabeln, war es nur logisch: er musste sich nur erklären. Der Brief wurde acht Seiten lang und als er zu hören bekam, das er vor versammelter Klasse vorgelesen worden war, litt er seine erste Liebesheilung, was die eigentliche Krankheit verlängerte.
Die Musik wird wieder furios. Laut lässt der Vater die Tasse auf`s Spelacart vor seiner Brust fallen. „Mir fällt da ein:“, schreit er gegen die Musik, „Frau Elisabeth Stolze knallte bei einer Probe genau an der Stelle den Deckel unseres städtischen Konzertflügels zu, und verliess heulend den Saal.“
„Wer krachte?“ Der Sohn stoppt wieder.
„Elisabeth Stolze. Das war in den fünfziger Jahren. Ich war damals ab und an, als Aushilfsgeiger engagiert. Ein Pianist sagte kurzfristig ab, das Stück war aber schon fast durchgeprobt. In der Not erinnerte ich mich meines alten Berliner Klavierlehrers und rief ihn um Hilfe an. Der zögerte nicht lang und schickte seine Frau, eine in den vierziger Jahren hoffnungsvolle Pianistin, die unter den Nazis zu einigem Ruhm gekommen war. Sie beherrsche gerade dieses Stück, als sei es ihr eigenes. Froh sich wieder ins Gespräch bringen zu können, erschien die Dame. Hoch nervös. Nach all den Mutterkreuzkonzerten und Frontbetreuungen wollte sie sich der neuen Macht nun mit Tschaikowski andienen, Stalin hatte ihn neunzehnhundertvierzig eingemeindet. Für einen frühen Tschaikowski war sie zu zirkuliert. Aber technisch erstaunlich, für jemanden der einige Jahre aus dem Konzertbetrieb war. Sie kämpfte berserkerhaft gegen sich, gegen Tschaikowski und vor allem gegen das Orchester. Es sollte werden und wurde nicht. Und wir waren schuld! Zu laut, zu ungenau, grundsätzlich unharmonisch. In Anbetracht der drängenden Zeit hatte ihr der GMD den ersten Satz nur noch einmal zugestanden. Tja und dann flog der Deckel. Ich ging ihr nach und fand sie weinend im Theatergarten. Ich konnte immer gut mit Frauen und hörte mir alles an, Scheissorchester, Scheissstadt, Scheissstaat! Jeder wolle ihr übel! Wegen ihrer Vergangenheit! Dabei kenne sie das halbe Orchester samt GMD noch aus dieser. Ich tröstete sie. Redete vom Hafen des Künstlers, der die Kunst sei und nicht irgendein Staat oder ein Regime. Und ich empfahl ihr, dringend in die Westzone zu wechseln, wo eine gebräunteVergangenheit zumindest mal nicht hinderlich wäre. Nie vergesse ich den hohen Blick mit dem die Dame auf mich sah, als sie mir die Hand tätschelte; erstaunliche Tips gebe da einer, den sie für einen flotten Neukommunisten gehalten habe. Wäre da nicht die blinde Mutter ihres Gatten in der Villa auf dem Weissen Hirsch, „ Wir wären schon lange weg, mein Gutster“. Ich tätschelte zurück und bald sass die empfindliche Frau wieder am Flügel. Wir kamen durch Probe und Konzert, eine Rezension, die ich der Einfachheit halber gleich selbst schrieb, druckte unser Parteiorgan, jedoch ohne die Solistin auch nur mehr als namentlich zu erwähnen. Einige konnten sich wohl noch gut an sie erinnern. Der war es egal, sie verliess unsere Stadt schnell. Nicht aber mein Leben.“ Zurückgelehnt hören sie den Rest des ersten Satzes.
ANDANTE NON TROPPO
Das warme Bett der Violinen bereitet sich den Beiden. Andächtig starrt der Vater zur Decke, der Sohn weiter aus dem Fenster. Versuchte der Sohn, bei den wenigen Frauen die er würdig fand, mit dem ersten Satz auf vergangene Stürme und damit indirekt auf noch wehende Winde zu deuten, so war es doch heute eigentlich mehr das gegenseitige Umschmeicheln von Violine, Cello und Piano im Liedsatz, das seine Seele koste und ihn glauben machte, ein Tiefempfindsamer zu sein. Auch der Vater versinkt im betörenden Beginn des zweiten Satzes. Ungebremst rinnt der Speichel aus dem tieferen rechten Mundwinkel. Der Sohn reicht ihm das Tuch, in das hinein der Vater zu sprechen beginnt: “Ein schönes Beispiel von zuviel. Durch die nachschwelenden Explosionen, des ersten Satzes geht die Schönheit dieses langsamen fast unter. Eigentlich ist das ja der Herzsatz, wenn man den nimmt, der Träger der Seele des ganzen Stückes ist. In dieser Stille liegt die Kunst, sie wirkt stiller durch den Radau von vorhin. Tschaikowski kommt hier zur Ruhe. Ruhe nach der Flucht im ersten Satz. Flucht durch Birkenwälder und lange Landschaften. Lässt er das Piano sich dort noch um Kopf und Kragen spielen, schliesslich läuft ein junger Mann davon, singt er uns hier ein Schlaflied; er und wir sind in Sicherheit. In dieser einfachen Form Zuneigung, dem liebevollen Streicheln über den Kopf eines Einschlafenden, findet er Ruhe. Er lässt die lyrischen Stimmen frei. Mir scheint dieser wehmütige Satz der Wahrere zu sein. Das Pathos im zweiten Drittel würde ich mit der Zeit begründen. Und dem Heimweh, wenn wir den ersten Satz als Bild der Flucht nehmen. Diese greinende russische Melodei ist Heimweh. Russisches Heimweh. “Der Sohn staunt und fragt in die perlende Auflösung des Satzes: „Da war Tschaikowski also schon in der Schweiz?“
„Ja mein Sohn! Auf jeden Fall hat er es dort orchestriert. Nichts genaues weiss man nicht.“ Der Sohn nickt: „Die Flucht vor der aus Räson geehelichten Ungeliebten. Und der zweite Satz illustriert seinen Trost in den Armen eines Reisebegleiters.“ „Pfui! Pfui! Pfui! erbost sich der Vater. „Ausspucken möchte ich. Einfach macht ihr es euch! Als ich das Stück vor siebzig Jahren studierte, wusste auch jeder der es wissen wollte, warum Tschaikowski in dieser Ehe unglücklich war, ohne das es für die Interpretation irgendeine Rolle gespielt hätte. Wir haben uns für die Dramatik in der Musik interessiert und nicht für die Dramatik im Schlafzimmer des Komponisten!“ „Aber Vater, gilt dieses Konzert nicht bei vielen als zweitrangig, da es dem sonst so perfekten Tschaikowski mehrfach überkocht?“ „ Ja natürlich! Aber warum soll ich dahinter seine Homosexualität sehen? Die Entstehungsgeschichte dieses Konzertes war immer eine geheimnisvolle und Homosexualität gab es auch Ende der zwanziger Jahre schon. Es wurde nur nicht öffentlich darüber geredet Und damit auch nicht soviel Unsinn! Suche deine Widersprüche im Werk. Wenn schon! Die Musik ist das Thema. Meinte übrigens Frau Stolze damals auch. Sie schrieb mir ein halbes Jahr später einen Brief und bedankte sich. Ich sei, in dieser für sie schwierigen Zeit einer der wenigen verlässlichen Menschen gewesen. Die Einladung das Stück in Schwerin zu spielen, schrieb sie einer Intervention meinerseits zu, die es nie gegeben hatte. Sie wünschte mich bei den Proben im Saal. Ich fuhr hin und erlebte eine völlig andere Elisabeth Stolze. Konvulsiv legte sie einen ersten Satz hin, wie ich ihn noch nie gehört hatte , um dann im zweiten einem Schmetterling gleich, schwerelos um unsere Herzen zu schweben. So schrieb ich ihr das damals. Ich hatte mich in die rechte erste Reihe des Parketts zu setzen, damit sie mich im Blick habe. Sie spielte wohl für mich oder wollte das es so aussah. Ihren Riesenerfolg feierten wir mit Krimsekt vor dem dunklen Wasser des Schweriner Sees und redeten nicht über Tschaikowski.“
„Und dann?“ fragt der Sohn neugierig.
„Nichts, kein „und dann?“ Geheimnisse sind nur schön wenn sie es bleiben. Galt noch zu meiner Zeit. Und die ist noch nicht ganz vorbei! Nach diesem Erfolg lud man Elisabeth nach Stuttgart zu einer Rundfunkaufnahme ein. Noch viermal fuhr ich in den Westen um sie zu hören. Sie erlebte ihr, kleines, Comeback.“
„Und dann?“ „ Grässlich dein: „Und dann?“ Dann kam die Mauer, die wir damals nicht so nannten. Sie war wohl gerade in Hamburg und dort wohnt sie noch heute.“ „Hast du sie je wieder gesehen?“
„Ja, sie war noch einmal da. Wir trafen uns in einem Cafe in Leipzig, du warst übrigens dabei.“
„Daran kann ich mich nicht erinnern.“
„Kein Wunder, das war einundsiebzig, du warst dreijährig. Und es war ein kurzes Treffen. Elisabeth leitete eine gutgehende Konzertagentur und war es nicht gewohnt mit Männern zu reden, deren Knabe ihr ständig durch die Beine wuselte. Sie war ja mal mein dritter Frühling. Immerhin!“
„Also hattet ihr doch ein Verhältnis?“
„Ach woher denn! Ich fuhr nur immer hin, wenn sie dieses Konzert spielte. Am nächsten Morgen war ich immer wieder weg.. Sie wollte mich ja nachholen, aber sie hatte Pech. Mit beiden Männern!“
„Wie?“ „Der Ehemann blieb nicht wegen der blinden Mutter, und auch nicht wegen der Villa über der Elbe, sondern wurde ein grosses Kulturtier in Berlin, und ich wollte auch nicht weg.“
„Warum?“
„Wegen dem Ziel!“
„Welchem Ziel?“ „Dem Kommunismus! Ich war Schulleiter und glaubte fest an unsere grosse Arbeit zu seiner Errichtung.“
„Du hast also die DDR mehr geliebt als diese Pianistin?“
„Nein, mein Sohn, nicht so schnell mit den Worten! Ich habe beides nicht geliebt. Wie ich aus dem Krieg kam, war ich vierunddreissig. Verstehst du? Du bist jetzt noch jünger! Heute nennt man es Chance, was sich da bot, dieser völlige Neuanfang! Wir kamen als erbärmliche Verlierer aus diesem Krieg, die täglichen Nachrichten um die Wahrheit des jämmerlich verendeten Systems sollten uns den Kopf immer tiefer gesenkt tragen lassen, was sie, die Schande verschärfend, nicht bei jedem taten, und plötzlich gab es ein neues Ziel, eins das nie werden konnte wie das vorhergehende: Kommunismus! Die neue Gesellschaft! Blick nach vorn! Ich ging noch sechsundvierzig in die Partei. Bekam Arbeit und Verantwortung! Es gab damals so ein Lied: Du hast ja ein Ziel vor den Augen.... Heute lacht ihr darüber, aber es hatte was. Die ersten Jahre war das Leben unerträglich. Da war so ein Ziel hilfreich, du wusstest um den Grund für die Entbehrungen. Aber von Anfang an blieb das Ziel gleichweit weg. So ein, zwei Generationen. Auch im Verlauf der Jahre veränderte sich dieser Abstand nicht. Auf jeden Fall wurde er nicht geringer. Über vierzig Jahre lang! Spätestens zu Zeiten meiner Bekanntschaft mit Frau Stolze, rottete sich Lumpenpack um die Krippen, das lebte schon in der Zukunft auf die wir hinarbeiteten. Widerliche Kleingeister richteten sich im Sozialismus ein und machten ihn zum real existierenden. Träume wie wir sie, besonders nach Stalin, hatten, war Gift für diese Ratten und wurde zu solchem erklärt. Misstrauen wurde die Haupeigenschaft eines guten Kommunisten. Denken wurde schwierig....“
„Und dafür liessest du eine Frau sausen, mit der dich dieses Konzert verband! Irre!“ Sagt der Sohn.
„Das ist wohl so“, antwortet der Vater, „so verrückt es klingen mag, der Mauerbau machte mir damals Hoffnung. Ich glaubte, nach der Abschottung hätten wir endlich Zeit für das Wesentliche. Ich täuschte mich auch da. Die Wachsamkeit nahm immer groteskere Züge an. Zu dem wärest du kaum fünf Jahre später geboren worden, wäre ich der Pianistin damals nachgereist. Sie war wohl nicht die Richtige. Auch du solltest dir überlegen, ob du Frauen allein nach ihrem Verhältnis zu Tschaikowski auswählst.“
„Das tue ich nicht, Vater.“ „Ach und warum gönnst du mir nicht die Freude einer Schwiegertochter? Lange werde ich nicht mehr warten können. Peinlich genug , das sie mich so kennenlernen muss. Hinter all deinen Computern in der Bank wird es doch auch ein paar schöne Frauen geben!“
„Gibt es Vater, massenweise.“
„ Ja also dann bring mir eine, bevor ich hier nur noch rumröchel. Oder geht es dir wie dem Tschaikowski?“ Der Sohn lacht seinem Vater ins Gesicht:
„Und was wäre wenn?“ Vor den Schlaganfällen hätte man den Blick den der Vater dem Sohn nun schickt „messend“genannt. „Dann würde ich den jungen Mann auch gerne kennenlernen. Soll ja heute kein Problem mehr sein, höre ich immer im Radio. Also bist du, wie sagt man heute...“
„Schwul, sagt man, Vater.“ Der Alte richtet sich ungeduldig auf: „Ja bist du nun oder bist du nicht?“ Der junge Mann streicht über die im Bettbügel verkrallte Hand: „Nein Vater, ich bin nicht!“ Der fällt zurück ins Kissen: “Na da bin ich aber froh!“
„Ich weiss!“ lacht sein Sohn weiter offen. „Es ist keine Gelegenheit.“ Der Vater schüttelt mit dem Kopf den ganzen Körper: “So ein Quatsch! Seit wieviel Jahren gibt es die Menschheit? Dafür war noch immer Gelegenheit!“ Der Sohn ist ratlos. Natürlich hat der Vater recht, die Bank ist wie ein Markt, er hätte wohl die Auswahl. Und da lag das Problem. Die vielen selbstverwirklichten, hochgebildeten Frauen, die auch noch frisch vom Laufsteg zu kommen schienen, interessierten ihn schon lange nicht mehr. Natürlich hatte er Liasionen gehabt, hatte mit Interesse das Freizeitverhalten der Userinnen studiert, deren Netzwerk er verwaltete. Jetzt konnte er Snowboarden, tauchen, klettern, sprach leidlich italienisch und tanzte einen passablen Tango. Alles das hatte er in den letzten neun Jahren von, mit und wegen Schweizer Kolleginnen gelernt. Auch seine Herkunft aus der ehemaligen DDR schien nur ein Vorteil zu sein, hier wo die Lockermäuler aus dem grossen Kanton oft argwöhnisch betrachtet wurden. Fasziniert hatte ihn immer wieder die Freizügigkeit, die Schweizer Frauen, in Bindungen an den Tag legten, bevor sie auch nur fest wurden. Mehrfach hatte er erlebt, wie sein postkoitales Verschmelzungsgeschwätz vom sauber und Migros bestückten Frühstückstisch gewischt wurde, was er als angenehm zu empfinden lernte, da ihm ein über die Säfte hinausgehender Austausch sowieso nicht möglich schien. Eine, mit der er nach den oft sportlichen Geschlechtsakten, im Seelengärtchen spazieren ging, fragte er nach dieser Leichtigkeit. Die ihm Ähnliche sprach vom Austoben, bevor die Tür zu falle. Hellhörig geworden, beobachtete er, und je länger er und seine Kolleginnen alterten um so deutlicher wurde ihm, das hinter all der Freizügigkeit und aufgeregten Freizeitfüllung einzig der Big Deal of Live hervorlugte. In den interessanten, schon Zeichen tragenden Gesichtern sah er aber nicht nur Schrecken vor dem Etappensuizid im Einfamilienhaus mit eigenem Schutzraum. Er wurde, was man zurückhaltend nennt. Der langsame Satz klingt aus.
„Stop bitte nochmal hier, die Windel piesackt“ reisst der Vater den Sohn aus den Gedanken . „Die Frühschwester hat wieder eine Folterfalte eingebaut.“
„Das macht die nicht mit Absicht.“ Sagt der Sohn und schiebt den Betttisch in die Mitte des Wohnzimmers. „Das sieht man anders, wenn man hier liegt! Denk in sechzig Jahren mal an mich!“ murmelt der Vater und streckt das Gesäss in die Höhe noch ehe der Sohn ihn abdecken kann. „Vater, eine Krankenschwester, die auch nicht deine Schwiegertochter werden wird, hat mir mal erzählt das man diese Windeln in Schweizer Spitälern „Susiwindeln“ nennt. „Redest du mit Frauen über Windeln?“
„Ja, wenn sie sich nicht für Tschaikowski interessieren, auch über Windeln.“
„Nun gut, dann schau jetzt wo mir die Susi in die Eier piekt!“ Der Sohn glättet dem Vater das feuchtwarme Folienpapier sorgsam.
ALLEGRO CON FUOCO
„Ja, so ist gut“ rekelt sich der Vater im Krankenbett. „Und nun auf zum letzten Satz! Ich höre in letzter Zeit sehr gern die Finale! Das muss mit meinem zusammenhängen!“ Er schwingt den Bettbügel im Takt. „Auch wenn Tschaikowski wohl einfach nur froh gewesen sein wird, das ganze zu einem Ende zu bringen, höre ich die Freude darauf. Das kann ich gut verstehen.“
„Freust du dich darauf?“ fragt der Sohn ernst. „Ja natürlich! Ich habe Hunger und Mutters Sauerbraten gehört bekanntlich in die Reihe der Weltwunder aufgenommen.“
„Das meine ich nicht Vater.“
„Ach du meinst mein Ende. Den grossen Abgang eines Musiklehrers von der Provinzbühne , die ihm die Welt war. Nein, davor habe ich keine Angst mehr. Sieh mich doch an, und wie klein meine Welt geworden ist. Fremde Frauen waschen mich am Morgen, die Lage einer Windel kann über den Tag entscheiden, Essen gibt es nach Diätplan, püriert im Härtefall, nein mein Sohn der Abschied von dieser Welt fällt nicht schwer. Im Gegenteil, er dauert mir zu lang. Das Herrgöttle macht es einem am Ende madig, das Leben. Klug eingefädelt!“
„Und gleichzeitig freust du dich auf Mutters Sauerbraten!“ „Ja das tue ich! Vielleicht liegt darin das Geheimnis. Vielleicht leben wir manchmal nur wegen einem Sauerbraten weiter.“ Der Sohn streicht seinem Vater lächelnd über den Kopf, eine seltene Geste. Eigentlich könnte er jetzt sterben, nach dieser Weisheit. Er weiss noch nicht, dass die letzte Lektion seines Vaters für ihn, Geduld heissen wird.
„Vater glaubst du eigentlich an Gott?“ „Natürlich, wie jeder gute Kommunist! Um deinem dummen Nachfragen zuvor zu kommen: Ich hatte auch historischen Materialismus zu unterrichten und war damit als geübter Lehrer in der Lage alles aber auch alles zu erklären, ausser die eine Frage die mich selbst am meisten reizte: der Sinn. Worin liegt der Sinn dieser ganzen Unternehmung?“
„Und zu welchem Schluss kamst du?“ „Natürlich zu keinem, wie Milliarden vor und nach mir. Die Frage ist der Sinn. Die Frage ist Gott. Wie denkst du?“
„Nicht! Ich denke nicht über diese Frage nach!“ Der Alte lacht: „Dann hast du es noch nicht bemerkt! Wem diese Musik gefällt, der ist verfolgt von dieser Frage, man muss es nur merken. Du hast noch Zeit! Nutze sie!“ Mit den letzten Takten betritt die Mutter das Zimmer. „ Ach der Herr Studienrat geruhen noch im Bett herum zu kullern, und seine Hoffnung glotzt sinnig aus dem Fenster. Komm hief deinen Vater aus dem Bett, ein derartiger Sauerbraten wird am Tisch gegessen! Was habt ihr denn die ganze Zeit getrieben?“ „Tschaikowski gehört.“ sagen die Männer.
Die Frage
Eine Zeit später wird der Sohn bei einer der seltenen Aufführungen des Klavierkonzertes eine flüchtige Bekannte treffen, die er aus einem der vielen Kurse kennt, als er noch dem helvetischen Zeitgeist nachstrebte. Seine privaten Verbindungen zum Musikstück als völlig unwichtig weglassend, wird er im Gespräch vornehmlich Formulierungen seines Vaters verwenden, den auch als Urheber benennen, und dabei auf den Sinn und die Frage zu sprechen kommen. Die zarte, dunkle Frau wird ihm bestätigen, nur wegen dieser Frage in klassische Konzerte zu gehen. Ihr Satz: „Und ohne einer Antwort auch nur ein Stück näher gekommen zu sein, fühlte ich mich heute Abend auf dem Wege wie noch selten vorher.“ Dieser Satz nimmt ihm das Misstrauen. Sie werden Freunde. Wieder eine Zeit später wird sie ihn bitten, einmal mit in seine Heimat reisen zu dürfen. Und er wird wissen, das diese Frau seinem Vater manche Sorge nehmen kann und eines Freitag abends reisen sie in Richtung Nordost. Tausende Pendler verstopfen sich gegenseitig die Autobahn in die Heimat, die nicht mehr die war die sie vor Jahren verlassen hatten. Einhundert Kilometer vor dem Ziel werden die beiden die Nerven verlieren und in einem neuem Etaphotel einen Schlüssel aus dem Automaten ziehen. Den Schlüssel zu einem Doppelzimmer. In einem Autobahnhotelzimmer inmitten der Wälder, die dem Sohn vertraut sind, öffnen sich die beiden in jedem denkbarem Sinn., ohne dem Irrtum zu verfallen, dieses Öffnen für die Antwort zu halten. Das Verschränken ihrer Körper, Sinne und Geister werden die Beiden als die Frage begreifen. Und weil bekanntermassen das Herrgöttle auch hier manches klug eingefädelt hat, schieben sie immer wieder ihre Kreditkarten in den Automaten um die Gültügkeit ihres Schlüssels zu verlängern. Am Sonntagnachmittag fahren sie erschöpft und leicht nachvibrierend in die Schweiz zurück. Dort wird die Nachricht warten, dass der Vater gestorben sei. Der Sohn lacht still vor sich hin und die zarte , dunkle Frau lacht mit.
|